Zur Epidemiologie der Shiga-Kruse-Dysenterie1)

Ladislaus Friedrich
1917 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Im Monat Juli des vorigen Jahres brach bei einer Abteilung der in unserem Festungsbereiche stationierenden Soldaten eine durch Shiga-Kruse-Bazillen hervorgerufene Dysenterieseuche aus. Der erste Kranke und eigentliche Verbreiter der Infektion war der Koch der Abteilung, der sich im Verkehr mit der ußerhalb des Kreises der Festung wohnenden Zivilbevölkerung -wahrscheinlich beim Einkauf von Leb3nsmitteln -eine Infektion zuzog. tinter der Zivilbevölkerung waren nämlich schon früher sporadische
more » ... her sporadische Fälle von Ruhr aufgetreten. Fünf Tage nach der ersten Erkrankung meldeten sich weitere Patienten, und es zeigten sich einige Falle dieser Erkrankung auch in anderen Teilen des Festungsbereiclies trotz aller getroffenon prophylaktischen Maßregeln. Beim Ausbruch der Epidemie habe ich die gesamte Mannschaft des Lagers, 400 Mann, auf Bazillentrager untersucht. Wir konnten aber nur soviel erreichen, daß wir die offenkundigen Kranken schnell zu isolieren und die Epidemie in enge Grenzen einzuschränken vermochten. Gesunde Bazillentrager oder einen solchen, der als Bazillenträger später erkrankt wäre, habe ich nicht gefunden. Die Zahl der Patienten, welche in unserem Spital untergebracht wurden, betrug 33. Es waren ohne Ausnahme alte Landsturmmänner. Die Fälle kamen gewöhnlich ganz früh in unsere Beobachtung, am zweiten oder dritten Tage nach der Erkrankung, mit charakteristischem, blutig-schleimigem Stuhle. Obwohl das Laboratorium in der Infektionsabteilung untergebracht ist und demzufolge die Untersuchung gleich nach der Defäkation statt. finden konnte, gelang es mir nicht, in allen Fällen den Krankheits-') Die Veröffentlichung dieses Beitrags, welcher schon am Ende des Jahres 1916 beendet war, mußte wegen äußerer Umstände verO schoben werden. DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 1585 erreger nachzuweisen, obzwar der klinische Befund und die später durchgeführte Agglutinationsprobe ohne Zweifel ergaben, daß sämtliche Fälle zueinander gehóren, da ich in kinem Falle eine andere Art von Ruhrbazillen als die Shiga-Kruseschen gefunden habe. Diese Erscheinung, d. h. dic Erfolglosigkeit des Bazillennaehwejses, war nicht auffallend, es ist doch eine allbekannte Tatsache, (laß der Nachweis der Rtihrbazillen im Stuhle nicht immer gelingt. Schuld trägt daran einerseits die Ueberwucherung der 1)armflora und besonders des Bacterium cou, welcher den Ruhrbazillus verdrängt, anderseits die Ueberempfindlichkcit desDyscnteriebazillus gegenüber niedriger Temperatur und der rasche TJnlergang des Bazjllus bei solchen Temperaturen. tinter den vielen Autoren will ich mich nur auf die neuesten, Wie Handmann, Hesse, Lcntz, Kelle, Paneth, berufen, welche alle diese Eigenschaft des Bazillus betonen, während Jochmann in seinem vor zwei Jahren erschienenen Buche die entgegengesetzte Meinung vertritt. Diese Erscheinung, nämlich die Empfindlichkeit des Bazillus gegen Kälte, gewinnt besondere Wichtigkeit bi der Tätigkeit des Feldbakteriologen, zu welchem das zu untersuchende Material in der Regel erst später gelangt. Mit Rücksicht darauf hat sich Ilandlnann1) und unabhängig von ihm Hessc) einen tragbaren Thermostaten konstruiert und sich desselben in solchen Fällen bedient, wo der Stuhl durch längere Zeit niedrigen Temperaturen ausgesetzt sein konnte. Ich meinerseits bewahrte die Fäzes in Fällen, wo ich an der sofertigen Untersuchung behindert war, in dem Thermostaten auf. Dieser kleine Kunstgriff bewährte sich als überaus nützlich. Meine Technik war diO übliche. Die aus den Fazes herausgehobene Schleimfiocke strich ich nach dreimaliger Abepülung in Kochsalz auf Conradi-Drigalski-Agarplatten aus. Die Endosche Agarplatte bewährte sich nicht so gut wie der früher erwähnte Nährboden. Ich habe die verdächtigen Kolonien zwecks Differenzierung auf flüssigen Lackmus-Zucker-Nährboden von Barziekow geimpft. Die endgültige Identifikation wurde mit einer 24stündigen Agarkultur vollzogener Agglutination durchgeführt. Das spezifische 1mmunserum habe ich bis zur Titergrenze austitriert. Die Untersuchung der verdächtigen Kolonien auch in gefärbten Präparaten halte ich für nbedingt notwendig, weil, wie es Ph. Kuhn8) beschreibt, die bloße Identifikation mit Immunsera zu Irrtümern Veranlassung geben kann, Wie es auch in der Tat bei einer meiner Untersuchungen vorkam, als ein aus den Fäzes gezüchteter Staphylo. kokkusstamm die Agglutination selbst bei hohem Titer gab und sich auch auf elektiven Nährböden ruhrähnlich benahm (Paragglutination nach Kuhn), welcher Umstand bei einer bloßen Agglutinations. identifizierung der Aufmerksamkeit entgehen könnte. Es ist unbedingt notwendig, daß die biologischen und kulturellen Eigenschaften der Ruhrbazillen miteinander übereinstimmen und unzweifelhaft beweisend sein sollen, weil eben gerade bei der Ruhr in den letzteren Zeiten so viel Bedenken (Schütz'), Kolle und Dorendorf') in bezug auf Realität und Existenz der einzehen Arten er hoben worden sind; hierzu sind aber wenigstens 24 Stunden not. wendig. In sämtlichen Fällen, wo die bakteriologische Stuhluntersuchung positiven Erfolg gab, habe ich die Shiga-Krusesche Art der Dysenterie festgestellt, weIche alle Eigenschaften dieser Spezies besitzt. Zur Bestimmung der Toxizität des gezüchteten Bazillusstamm s haba ich eine Quantität von einer Oese in physiologischer Kochsalzlosung aufgeschwemmt, einem Kaninchen von 1800 g Gewicht intravenös injiziert, worauf dieses nach 24 Stunden in Begleitung ausgesprochen toxischer Symptome (Krämpfe, Opisthotonus, Diarrhoe, Temperatursinken) erlag und der Sektion unterzogen wurde. Die Obduktion ergab negativen Befund, und es ist nicht gelungen, au den einzelnen Organen den Bazillus zu züchten. Wie schon oben erwähnt, habe ich insgesamt 33 Fälle untersucht. Von diesen gelang es mir, den Bazillus aus dem Stuhle in 14 Fälleii zu züchten, also in 42%. Auffallend ist, daß trotz der günstigen Untersuchungsverhältnjsse in mehr als 50% dei Fälle das Züchtungsverfahren mißlang. Die Schädigung der Bazillen durch Abkühlung war in disen Fallen vollkommen ausgeschlossen; wegen der Frischheit der Fälle ist auch zu bedenken, ob die tieberwucherung der Roligruppe für die Erfolglosigkeit verantwortlich zu machen ist. In einem Falle glückte es mir, den Erreger in dem Urin nachzuweisen, während die bakteriologische Untersuchung des Blutes gegenüber den Erfolgen mehrerer Autoren (Ghon und Roman 6), Fraenkel resultatlos blieb. Obwohl die serologische Diagnose der Ruhr besonders jüngst auf zahlreiche Gegner stieß (Kisskalt), Ghon und Roman, Schütz), ) D. m. W. 1916 Nr. 30.
doi:10.1055/s-0028-1144864 fatcat:2tw6q3sjunhv3cehtwygxl3tfa