Blinde Menschen unter dem NS-Regime in der "Ostmark" – Eine Problematisierung

Barbara Hoffmann
2020 VIRUS - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin  
This article presents various aspects of my doctoral thesis "Zwischen Integration, Kooperation und Vernichtung -Blinde Menschen unter dem NS-Regime in der ,Ostmark". This doctoral thesis presents various aspects of the circumstances of blind people's lives in the "Ostmark" under the Nazi regime, such as the economic and social situation. Legal, medical and gender aspects are also taken into consideration. The aim was to gain detailed insight into the living conditions of blind people of that
more » ... d people of that time. Under the Nazi regime blind people were separated into three main groups: the civilian blind, the war blinded and blind people of Jewish origin. Even since the time of the First World War there had been a two-class system of the civilian blind and blinded ex-serviceman. Due to the Nazi regime's anti-Jewish policy, the civilian blind and blinded veterans of Jewish origin were persecuted. In addition to that there was a strong segregation among blind people under the Nazi regime. This article deals with some main problems concerning the research about the life of blind people. Blinde Menschen unter dem NS-Regime 1. Einführung Unter dem NS-Regime verteilten sich blinde Menschen auf drei verschiedene Hauptgruppen: Zivilblinde, Kriegsblinde und blinde Menschen jüdischer Herkunft. Bereits seit dem Ersten Weltkrieg hatte es ein Zweiklassensystem von Zivil-und Kriegsblinden gegeben. 2 Der Lebensstandard von Kriegsblinden im Gegensatz zu Zivilblinden war bereits in der Zwischenkriegszeit wesentlich höher gewesen. Zivilblinde hatten keinen generellen Rentenanspruch, viele waren arbeitslos. Dies machte sie in einem hohen Masse abhängig von privaten und staatlichen Sozialleistungen. Die Politik der bevorzugten Versorgung Kriegsblinder setzte sich unter dem NS-Regime fort. Kriegsblinde galten als "Helden der Nation" und genossen einen privilegierten gesellschaftlichen Status. 3 Die Verfolgung von Menschen jüdischer Herkunft führte dazu, dass Zivil-und Kriegsblinde, die als Jüdinnen und Juden galten, zu einer dritten Klasse wurden. Nur wenige blinde Menschen jüdischer Herkunft überlebten den NS-Terror. 4 1938 lebten rund 4.000 blinde Menschen in der "Ostmark", etwa 300 von ihnen waren im Ersten Weltkrieg erblindet. Rund 200 Zivil-und Kriegsblinde galten nach den "Nürnberger Rassegesetzen" als Jüdinnen und Juden. Über diese drei Klassen von blinden Menschen hinaus kam es zu einer starken Segregation unter blinden Menschen zwischen 1938 und1945. Nicht nur die Herkunft, auch die Ursache einer Erblindung, das Geschlecht sowie die Beurteilung des Arbeitspotentials beeinflusste ihre Lebensbedingungen enorm. Die NS-Machthaber gingen prinzipiell davon aus, dass blinde Menschen über ein "nutzbares" Arbeitspotenzial verfügten. Initiativen, die einer beruflichen Integration von blinden Menschen dienten, wurden daher gefördert, da darin ein volkswirtschaftlicher Gewinn gesehen wurde. Die NS-Fürsorgegesetzgebung war dementsprechend utilitaristisch ausgerichtet. Die berufliche Integration, in der NS-Propaganda, bezeichnenderweise als "Brauchbarmachung" tituliert, war das Hauptziel der NS-Politik in Bezug auf blinde Menschen. Für die Zivilblinden hieß dies, dass die "Berufsfürsorge" der wichtigste Aspekt staatlicher Unterstützung war. Das Postulat einer "produktiven" Fürsorge legte die NS-Regierung unter anderen in den "Reichsgrundsätzen über Art und Maß der öffentlichen Fürsorge" (RGS) 5 fest. Neue Berufsfelder, wie beispielsweise in Industriebetrieben, Büroberufen oder als MasseurInnen sollten für Zivilblinde etabliert werden. Dabei waren allerdings diese Bemühungen für Kriegsblinde neue Betätigungsfelder zu finden bzw. auszubauen wesentlich weiterreichender als jene für Zivilblinde. Charakteristisch für die NS-Politik war es dabei, das Anspruch und Praxis zum Teil weit auseinander klafften: Die neuen Berufsfelder etablierten sich nur schleppend. So war es ein dezidiertes Ziel der NS-Machthaber, die Anzahl blinder HandwerkerInnen zu reduzieren, da diese Branche als wirtschaftlich unrentabel galt. Da aber eine Ausbildung in einem Blindenhandwerk im Vergleich etwa zu einem Lehrgang für 2 Barbara HOFFMANN, Kriegsblinde in Österreich. Die Entstehung eines "Zwei-Klassen-Systems" von blinden Menschen, In: Virus. Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin 6 (2007) 75-84. 3 Vgl. René SCHILLING, Die "Helden der Wehrmacht -Konstruktion und Rezeption, In: Rolf-Dieter MÜLLER, Hans-Erich VOLKMANN (Hg.), Die Wehrmacht. Mythos und Realität (München 1999) 550-572. 4 HOFFMANN, Blinde Menschen "Ostmark", 273-280. 5 Vgl. GBlÖ, Nr. 397/1938, Verordnung über die Einführung fürsorgerechtlicher Vorschriften im Lande Österreich vom 3. September 1938.
doi:10.1553/virus10s059 fatcat:js5eqg7fargjfexnwfqjs7u2se