Ueber die Thymusdrüse

Karl Basch
1913 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Wenn in der. medizinischen Literatur clic Frage nach der Bedeutung der Thymus aufgeworfen wird. so begegnet man nis Antwort hierauf noch vielfach der Redewendung, daß man beüg1ich der Funktion und der Bedeutung der Thymus noch nichts Sicheres zu berichten wisse. Wenn diese Reserve bis zum letzten Jahrzehnt eine gewisse Berechtigung hatte, so ist seither. eine erfreuliche Aenderung eingetreten. Das Studium der Biologie und der Hstogenese der Thymus hat im Laufe der letzten Jahre einen deutlichen
more » ... re einen deutlichen Aufschwung genommen und eine Reihe von Talsachen festgeste11t die in verhältnismäßig kurzer Zeit von so Vielen Seiten bestätigt wurden, daß man sie. nunmehr mit gutem Rechte dem dauernden Besitzstande der Medizin infigen kann. Die Kenntnis der neuen. Forschungsergebnisse st aber noch nicht in dem Maße vorgedrungen, daß durch sie die früheren Vorurteile bezüglích der Thymus richtiggestellt wordei wären. Deshlb soll die folgende Darstellung an der Aufgabe mitwirken, in mögliebst knapper Form über die Biologie der Thymus aufzuklären. Die Thymus, die schon einmal, etwa uni die Mitte des vorigen Jahrhunderts, ebenso wie die Schilddrüse, die Nebenniere, die Tilypophyse, bei den sogenannten Blutgefäßdrüsen eingereiht war, wurde im Laufe der Zeit wieder aus dem Verbande dieser höher bewertet en Organe losgelöst und dem mehr nebensächliihen lymihoiden Apparate zugeieilt. Es geschah dies hauptsächlich deshalb, weil die Thymus bei mikroskopischer Betrachtung vorwiegend aus runden Zellen aufgebaut erscheint, die an das Aussehen einfacher Lymphellen erinnern. Uuter.dem Einflusse-des histologischen Bildes der-Thymus hat sich sodann allmahhch die Anschauung eingestellt daß Thymus und Lymph knoten einander auch biologisch nahestehen. Diese Gleichstellung von Thymus und Lymphknoten hätte allerdings schon durch die Tatsache verhütei werden können, daß in der Thymus eine Reihe rein epithelialer Gebilde vorkommen, z. B. die Hassalschen Körperchen, weiter merkwürdige; Qiierstreifen darbietende sog. myoide Zellen sowie Flimmer-und Becherzelien, die ein einfacher Lymphknoten nie aufzuweisen vermag. Man hat aber diese unzweif eihaf t epithelialen Gebilde in der Thymus ebenso vergessen wie die cpitheliale Abstammung der Thymus, die schon von Kölliker festgestellt worden war. Gegen Ende der siebziger Jahre hat bereits Kölliker die Tatsache entdeckt, daß die Thymus aus dem Epithel der Kiemenfurchen hervorgeht und in den Frühstadien enibryosialer Entwicklung ein rein epithelíales Organ darstellt. His, Stieda, Born bestätigten diese Angaben. Da die Thymus aber in ihrer weiteren Entwicklung das Aussehen eines lymphoiden Organs annImmt, hat es den Histologen lange Zeit Schwierigkeit bereitet, das Aussehen des fertigen Organs mit der deutlich epithelilen Anlage in Einklang 711 bringen. Das fertige Organ besteht bei der Thymus hauptsächlich aus zwei Arten von Zellen: aus einem Netzwerk retikuläi-er Substanz und weiter aus runden, lymphkörperartigen Gebilden, die in den Maschen dieser verzweigten. Zellen liegen. Während man seit den sorgfältigen TJntersuch ungen Ham ni ars darübet einig ist, daß die Reticulumzellen der Thymus epitheliale Ge. bilde darstellen oder als Abkömmlinge solcher Zellen aufzufassen sind, waren die in deni Netzwerk der Thymus umgelgerten runden Körperchen, Nr. O die sogenannten "kléinen Thymuselemente", bezüglich ihrer eigentlichen Natur lange Zeit Gegenstand wissenschaftlicher Kontroverse. Der Streit drehte sich hIer vorwiegend um die Frage, ob die erwähnten runden Zellen der Thymus an Ort und Stelle durch Teilung und Umformung epithelialer Elemente r-tstehen -Transformationstheorie -, oder ob sie von außen, und zwar vom mittleren Keimblatte her, in die Thymus einwandern -Pseudomorphoselehre Noch heute stehen im Grunde genommen diese beide Anschauungen einander gegenüber, als deren Repräsentanten ehiereits P h. S t ö h r, anderseits A. M a x im o w anzusehefl sInd. Stöhr (Würzburg) hat die Lning der strittigen Frage in der Weise versucht, daß er annahm, die kleisien Thyniuselemente entstehen an Ort und Stelle durch Teilung größerer Zellen und rind nicht als Lymph. zellen, sondern als Jugendformen echter Epithelaellen aufzufaseu, die lange in diesem Stadium verharren, sçh aber die Fähigkeit bewahrt haben, wieder zu größeren Epithelzellen auszuwachsen. Sie hören also eigent, lich nie auf, Epithelzellen zu bleibpn, und auch die Thymus ist und bleibt ein epitheliales Organ, so gut wie etwa eine Speieheidrüse. Diese Anschauung Stöhrs hat in Marcus (1907), Cheval, Gamburzeff (1908) und Schridde (1909) Anhänger gefunden. Esiit aber in den letzten Jahren (1907-1912) durch neue, sehr sorgsame Untersuchungen M a xi m ow s (Petersburg) mittels Eosin-Azur. färbung der Präparate, die eine bessere Unterscheidung von Epithelzellen und-Lymphozyten ermöglicht, gezeigt worden, daß in einheitlicher Weise bei Reptilien, Säugetieren und Knoehenfiechen vom mittleren Keimblatte her doch eine .Einwanclei'ung von Leuko-und Lymphozyten in die Thymus stattfindet, die da gewebliche Aussehen dieses Organs bedingt. Gleichzeitig anerkennt aber Max im ow die von H a m ni a r festgestellte epitheliale Abkunft der Retikularzellen, die das formgebende Gewebe der Thymus darstellen, und kommt zu dem Schluß, daß in der Thymus zwei Gewebe, die sonst immer streng geschieden erscheinen: Epithel und Mesenchym sich innig durchwachsen und so in morphologiseher Beziehung das Charakteristische dieser Drüse-darstellen. Die ausgedehnten-und systematischen Untersuchungen M a x im owe, weiche die bisher strittige Einwanderung von Leukozyten in die Thymus direkt anPraparaten zur Anschauung bringen, machen es wahrscheinlich, daß nunmehr die Anschauung Maximows von der Histogenese der Thymus am meisten Anhang gewinnen dürfte. Es kann aber gleich hier darauf hingewiesen werden, daß diese anatomische Auffassung der Thymus in guter Uebereinstimmung mit den Ergebnissen der biologischen Forschung der Thymus steht, welche die charakteristische Stellung dieses Organs vorwiegend in dem Umstande sieht, daß die Thymuseinerseits Beziehungen zu den Organen mit innerer Sekretion aufweist, anderseits aber.. auch mit dem lvmphoiden Apparate des Körpers in Kqrrelation steht und daß ebenso wie in der Anatomie auch in der Biologie dieses Organs einerseits die epitheliale Komponente, anderseits der lymphoide Bestandteil zum Ausdruck kommt. Die biologische Erforschung der Thymus hat in ihrer Entwicklung insofern einen großen Umweg genommen, als sie nach einer Periode der Irrungen heute wieder zu Sener Auffassung der funktionellen Bedeutung der Thymus zurückgekehrt ist, die bereits Friedleben der erste erfolg. reiche Thymusforscher, auf Grund seiner für die damalige Zeit geradezu mustergüJtigen Versuche geäußert resp. angedeutet hat. Nach den historisch klteren Versuchen R e at e is au den Jahren 1845, die aber als völlig mißglückt anzusehen sind, hat Friedleben im Jah.re 1858 die Frage von der Bedeutung der Thymus-in Angrid genommen, indem er bei jungen Hunden dieses Organ operativ zu entfernen versuchte und sodann die nach der Entfernung desselben auftretenden Ausfallserscheinungen studiert hat. Wenn auch Friedleben, wie es damals selbstverständlich war, nur unvollkommen arbeiten konnte, da ihm zu einer sicheren und vollständigen Entfernung der Thymus die antiseptische Methode mangelte, so hat er doch in jenen Versuchen, in denen er selbst die Empfindung hatte, daß ihm die Entfernung der Thymus geglückt ist, die Beziehung der Thymus zum Wachstum und zur Entwicklung der Knochen erkannt oder vorausgesehen und damit den Weg zur exakteren Thymusforechung geebnet. Als ich sodann am Ende der neunziger Jahre das Studium der Biologic der Thymus von neuem wiederaufnahm und über das Ergebnis zum ersten Male auf der Karlsbader Naturforscherversammlung (im Jahre 1902) berichtete, konnte ich trotz der vierzig Tahre, die seither vergangen waren, meine Eaperimente eigentlich an die Untersuchungen Friedlebens anknüpfen. Um diese Experimente in exakterer Weise durchführen zu können, mußte zunächst eine Operationsmethoae ausgearbeitet-werden, welche gestattet, die Thymus in vollständiger und zuverlässiger Weise zu entfernen. Das war die Exetirpation der Thymus unter Leitung des Auges nach breiter Durchtrennung des Brustbeins. Ferner mußte das Organ auf der Höhe sciner Entwicklung meist noch an säugenden Tíeren ente f ernt und imnier nur an Tieren gleichen Wurfes gearbeitet werden, von Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1128619 fatcat:hmizghtbgjhfnjhqztysqgjxgy