Ueber die Veränderungen verschiedener Quecksilberverbindungen im thierischen Organismus

Richard Fleischer
1885 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Oberarzt an der ambulatorisehen Klinik und Privatdoeent u Erlangen. Unter den verschiedenen Quecksilberverbindungeii , welche als Arzneimittel in der medicinischen Praxis Verwendung finden , giebt es einzelne, welche, obwohl sie in Wasser ganz oder fast unlöslich sind , eine deutliche Wirkung im thierischen Organismus entfalten. Können wir nun den alten Satz der Chemie "corpora non agunt nisi fluida" unbedenklich auf die Pharmakotherapie übertragen, 'da wir ja häufig in der Lage sind, die
more » ... age sind, die Beobachtung zu machen, dass manche chemische Körper deswegen nicht giftig wirken, weil sie sich in den Körperfiuissigkeiten nicht lösen, so bleibt uns kahm etwas anderes übrig, als anzunehmen, dass jene Mittel unter dem Einfluss bestimmter Secrete in lösliche Modificationen iibergefiihrt werden. Die Frage von der Umwandlung jener unlöslichen Quecksilberpräparate ist besonders in Rücksicht auf das Calomel seit längerer Zeit lebhaft ventilirt worden , weil einerseits gerade dieses als eines dei' beliebtesten Mittel in unserem Arzneischatz gilt, dessen vielseitige mid prompte Wirkung von Ophthalmologen und Syphilidologen und bei der Behandlung der Darmkrankheiten allgemein anerkannt wird, andererseits seine Unlöslichkeit in Wasser den Praktikern längst behaunt ist. Urn eule plausible Erklärung für die Wirkung zu finden , sind verschiedene Hypothesen aufgestellt und verfochten worden. B u e hheim und Oettingen sind der Meinung, dass sich das Calomel im Körper in lösliches Quecksilberalbuminat verwandle , während sie die Umsetzung von Calomel in Sublimat bei Gegenwart von Chlornatrium weit von der Hand weisen, da nur concentrirte Kochsalzlösungen Calomel in Sublimat umsetzen sollen. Dagegen redet Voit der Bildung von Sublimat aus Calomel das Wort, und es spricht die von ihm gemachte Beobachtung, dass bei dem längeren Contact von Quecksilberchlorür und Eiweissiösung sich metallisches Quecksilber abspalto, seIn entschieden für die Richtigkeit seiner Ansicht, Neuerdings hat Schlaefke ) Versuche liber die Umwandlung des Calomel gemacht und kommt dabei zu dem Schluss, dass sich kein Sublimat, wohl aber ein in Wasser lösliches Doppelsaiz von Quecksilberchlorür-Chlornatrium bilde, dem die bekannte Wirkung zuzuschreiben sei. Da die besprochene Frage mich schon seit längerer Zeit interessirt hatte, so bin ich gern einer Anregung des Herrn Professor Sattler gefolgt, durch geeignete Versuche die Umsetzungsvorgänge zu studiren. Als ich die Frage endgültig gelöst zu haben glaubte, erschien es von Wichtigkeit, noch andere Quecksilberpräparate zu prüfen, und besonders der Frage, Warum wirkt das Calomel bei Gegenwart von Jodkalium im Auge so ätzend? welche in der genannten Arbeit von Schlaefke ebenfalls eingehend gewürdigt wurde, und auf welche mich Herr Professor Sattler noch besonders aufmerksam gemacht hat, näher zu treten. Die nöthigen Vorversuche wurden mit Calomel, welches ans salpetersaurem Quecksilberoxydul durch Salzsäure gefällt und nach sorgfältiger Auswaschung mit Wasser, Alkohol, Aether als absolut rein befunden war, angestellt. Es erschien dann dringend nöthig, die besten und schärfsten Metiioden, welche zugleich leicht und schnell ausführbar sind, für den Nachweis kleiner Mengen von Sublimat ausfindig zu machen. Von allen Proben erwies sich die Behandlung mit H S, welche Sublimat in einer Lösung von ca. 1:30000, noch mehr aber diejenige mit Zinnc.hlorür, welche dasselbe in einer Verdünnung von 1:110000 noch nachweist, als die schärfste und auch zuverlässigste 2) Es wurde zunächst reines Calomel mit destillirtem Wasser bei Zimmertemperatur, eine andere Probe bei Körpertemperatur stehen gelassen. 1m Filtrat beider Proben liess sich nach 24 Stunden auch nach dem Eindampfen auf dem Wasserbad kein Sublimat auffinden. 0,5 Calomel mit 0,5 Kochsalz wurden mit 100 g destillirtem Wasser bei Zimmertemperatur 24 Stunden stehen gelassen. Das verwendete NaCh war frei von Chlormagnesiurn, und war dasselbe für mich von Herrn Dr. Tafel, Assistenten am hiesigen chemischen Laboratorium durch Einleitung von Salzsäuregas in eine gesättigte Lösung des käuf-Zum Gebrauch von Jodkalium und Calomel in der Augenheilkunde von Dr. W. Schlaefke (aus der Leber'schen Klinik) Archiv für. Ophthalmologie 25. 1. 2. 1879. Ein Theil der Versuche ist von mir in Gemeinschaft mit Herrn Dr Wiener angestellt worden, welcher die Resultate in seiner Dissertation ,Ueber die Umwandlung des Calomel. Erlangen 1885.« publiciit bat. lichen Kochsalzes dargestellt und gereinigt worden. Dasselbe war in concentrirter Lösung neutral und gab keine Trübung mit ZinnchL' Wurde nur wenig Wasser zu dem Calomelkochsaizgemerige zugese. so gab nach einiger Zeit das Filtrat mit Zinnchlorür eine sehr starke Trübung unter Ausfällung von metallischem Quecksilber '). Wurden nur geringe Mengen NaCl (0,02) zu Calomel gesetzt, so gab nach einiger Zeit das Filtrat davon eine schwache Trübung mit Zinnchlorür, welche nach dem Einengen viel deutlicher wurden. Es kam nun vor allem darauf an, die gebildete lösliche Quecksilberverbindung rein darzustellen. Grössere Mengen Calomel und Kochsalz mit wenig Wasser liessen wir bei 37 40° im Verdauungsschrank stehen bis das Wasser vollständig abgedampft war. Der Rückstand wurde mit reinem Aether so oft ausgezogen, so lange der Aether noch etwas aufnahm. Die ätherische Lösung liessen wir auf einer Uhrschaale verdampfen ; es schieden sich weisse Krystalle aus , die mit Sublimatkrystallen, welche aus einer ätherischen Lösung desselben dargestellt waren, die grösste Aehnlichkeit hatten '). Behandelte man Colomel, welches mit Wasser längere Zeit gestanden hatte mit Aether in gleicher Weise, so blieb kein Rückstand. Die Versuche mit Kochsalz und Calomel wurden vielfach variirt und stets das gleiche Resultat erhalten. Der in Aether nicht mehr lösliche Rückstand gab noch eine starke Sublimatreaction. Derselbe war in gleichen Theilen von Alkohol und Aether löslich. Unter dem Mikroskop zeigten die aus der Lösung sich abscheidenden Massen Kochsalawürfel , daneben feine Nadeln, die häufig radiär angeordnet waren. Es musste schliesslich noch constatirt werden, ob die Gegenwart atmosphärischer Luft für die Umwandlung nöthig sei. Die früheren Versuche wurden in geeigneter Weise bei Luftabschluss wiederholt, auch hier ergab die Prüfung mit Zinnchlorür positive Resultate. Durch die bisherigen Beobachtungen schien uns die Umwandelung des Calomel in Sublimat bei Gegenwart von Kocbìsalz beinah sicher erwiesen. Die Art der Umsetzung war aber noch dunkel. Denn entweder war der Vorgang so zu deuten, dass das Kochsalz sein Chlor einfach ail das Calomel abgiebt und dabei Natronlauge entsteht = HgCl -I--NaC1 --I10 HgC12 ± NaHO -f R, oder es findet, wie dies ja schon Voit bei längerem Contact von HgCl mit Eiweisslösung gefunden hat, eine Abspaltung von Hg statt (2 HgCl = HgC12 + Hg). Bei genauer Prüfung der Reaction des aus Kochsalz und Colomel bestehenden Gemenges, welches längere Zeit bei Körpertemperatur aufbewahrt war , fanden wir stets neutrale , niemals alkahische Reaction , so dass uns zur Erklärung der Umwandeluiig nur die Annahme einer Quecksilberabspaltung übrig bleibt. Es ist für das Verständniss des Vorgangs ziemlich gleichgültig , ob wir einfach annehmen, dass sich geringe Mengeii des Calomel nach und nach in der Kochsalzlösung auflösen, oder ob eine Bildung von einem löslichen Doppelsalz zwischen Calomel und Chlornatrium , wie das ja Schlaefke supponirt, stattfindet. Durch die Auflösung wird das beständige , weil an sich schwer lösliche Calomel , zu einem labilen Körper, der ähnlich, wie wir das auch bei anderen Quecksilberoxydulsalzen sehen werden, unter Abgabe von Hg in eine Oxydverbindung sich umsetzt. Diese hypothetische Abspaltung von Hg musste aber noch experimentell festgestellt werden. Calomel und Kochsalz wurden in einem Kölbchen mit Wasser zusammengebracht, ein dünnes Goldplättchen an einem Faden über dem Flüssigkeitsspiegel aufgehängt, und das Kölbchen gut verschlossen im Verdauungsschrank stehen gelassen: Am nächsten Tage erschien das Goldplättchen an einzelnen Stellen amalgamirt. Dasselbe wurde in einer Glasröhre, deren eines Ende zur Capillare ausgezogen war, unter zweckensprechender Luftdurchleitung erwärmt. Man erhielt in der Capillare einen Quecksilberspiegel. Beim Durchleiten von Joddämpfen schied sich schönes rothes Quecksilberjodid aus. Wurde der Versuch sonst in der gleichen Weise aber ohne Zusatz von NaC1 ausgeführt, so erhielt man kein HgJ2. Wir müssen uns demnach den Process, wie wir das von Anfang an vermutheten, so denken, dass nach der Lösung geringer Mengen von Calomel in dem NaChhaltigen Wasser, die letzteren zum Theil unter Abgabe von Quecksilber in Sublimat übergehen. Dabei entsteht freies Sublimat, oder dieses bildet mit dem vorhandenen NaCl das längst bekannte Doppelsalz von Quecksilberchlorid: Chlornatrium, welches vielleicht durch den Aether, der nach unseren Beobachtungen nur Sublimat aufnimmt, zersetzt wird. Da sich in allen Secreten NaC1 und KCI ') Schwefelwasserstoff gab deutliche Bräunung. 2) Wurde ein Theil davon erwärmt, so sublimirten in ein darüber gehaltenes Glas weisse Dämpfe, und es schieden sich auf dem kalten Glase weisse Massen aus, welche in Alkohol, Aether und Wasser löslich waren und mit Zinuchlorür starke Trübung gaben. 620 DEUTSCHE MEDICINISOHE WOCHENSCHRIFT. No. 36 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1208861 fatcat:wutjvlg3qzcsbc55b3irvugx5y