Metaphysik und Asketik

Wilhelm Bender
1893 Archiv für Geschichte der Philosophie  
Professor der Philosophie in Bonn. L Alte und mittelalterliche Philosophie. Wer die wissenschaftlichen Versuche das Sittliche zu erklären, richtig beurteilen will, muss sich stets vergegenwärtigen, dass sich nicht nur im Altertum zwei Grundformen der praktischen Sittlichkeit entwickelt haben: die asketische und die natürliche, wie wir kurzweg sagen wollen^ sondern auch, dass gewisse Ueberbleibsel der enteren noch in modernsten ethischen Systemen fortwirken. Die natürliche Sittlichkeit würde
more » ... tlichkeit würde wohl nie eine andere als die anthropologische Erklärung, in dem weiteren Sinne, in welchem hie die Bedingtheit des Menschen durch die umgebende Welt mit in Rechnung zieht, hervorgerufen haben* Die sog. metaphysische Erklärung des Sittlichen scheint dagegen erst mit der Entwiekelung der asketischen Sittlichkeit entstanden zu seiri. Asketik Arcfcir Brought to you by | University of Glasgow Library Authenticated Download Date | 6/28/15 5:47 AM 2 Wilhelm Bender, * " ' und Metaphysik treten in der Geschichte als Cornplemente auf; und wo in modernen Moraltheorien über die anthropologische Erklärung hinausgegriffen und die Metaphysik zur Begründung-der Moral herangezogen wird, da scheint allenthalben die asketische Richtung in der praktischen Moral fortzuwirken, meist ohne dass die Vertreter der "Metaphysik der Sitten" sich dessen bewusst sind. Der Nachweis, dass eine solche Wechselbeziehung zwischen Asketik und Metaphysik durchweg in der Geschichte auftritt, scheint mir von Wichtigkeit sowohl für die Beurteilung des wissenschaftlichen Wertes der Metaphysik als auch für das Verständnis der praktischen Moral und ihrer Erklärung in der Moralphilosophie. Ich versuche ihn hier zu erbringen, indem ich mich übrigens auf die Moralsysteme beschränke, welche eine epochemachende Bedeutung in der Geschichte unserer Wissenschaft gewonnen haben. Indessen wird es nötig sein, zwei Bemerkungen allgemeiner Natur der historischen Darstellung vorauszuschicken; die eine, um sie in ganz bestimmten Grenzen festzulegen; die andere, um einem Mißverständnis vorzubeugen, welches bei den nahen Beziehungen zwischen Metaphysik und Religion, so zu sagen, auf der Strasse liegt. Ich beabsichtige nicht auf die Entstehung der asketischen Moral einzugehen. Ich nehme es als eine geschichtliche Tatsache, class sie unter bestimmten äusseren Konjunkturen und bei gewissen inneren Dispositionen, die sich zu bedingen pflegen, im Einzelnen auftritt und ganze Massen ergreift. Sie ist immer mit einer pessimistischen Beurteilung der natürlichen Welt verbunden, und wie diese durch unbefriedigende ökonomische, sociale, politische Verhältnisse bedingt. Sie kann wie eine Epidemie auftreten und erlöschen; sie kann sich aber auch, wie das buddhistische und christliche Möuchtum beweisen, in festen Organisationen die Dauer durch Jahrhunderte und Jahrtausende sichern. Bei dem wandelbaren Charakter des Menschenschicksals in der Welt fehlen die asketischpessimistischen Strömungen keinem Jahrhundert; und . Jeder von uns weiss, dass ihre Wogen nicht nur über den Unglücklichen zusammenschlagen, sondern auch die Inseln drohend umspülen, \velche die Glückseligen bewohnen. Ob der Asketismus, den wir bei Orphikern und Pythagoräern, bei Heraklit .und -Empeclokles in Brought to you by |
doi:10.1515/agph.1893.6.1.1 fatcat:aciwvdp2kjb5vgew2texyopenu