Ueber den Zusammenhang von Leberzirrhose und Milztumor

Paul Hartwich
1912 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die Zirrhose war ursprünglich ein pathologisch-anatomischer Begriff, den Virchow als das Endstadium einer interstitiellen Hepatitis definiert, die mit einer Rundzellenwucherung im inter-und intraazinösen Gewebe beginnt, anfänglich zur Vergrößerung führt, dann aber durch Uebergang des zellenreichen in ein zellenarmes Narbengewebe mit einer Verkleinerung abschließt, deren gelbe Farbe teils auf Fettinfiltration, teils auf Ikterus beruht. Dieser anatomische Begriff ist allmählich zum klinischen
more » ... zum klinischen erweitert worden, indem der Kliniker unter Zirrhose alle chronischen Entzündungen der Leber versteht, die durch Zunahme des Bindegewebes auf Kosten des Parenehyms charakterisiert sind. In diesen erweiterten klinischen Begriff fallen nach der Anleitung zum Selbststudium der pathologischen Anatomie" von Herrn Prof. P. Grawitz folgende Erkrankungen : 1 . die geheilten Eiterungen bei Cholangitis, 2. die geheilten Phiegmonen und Abszesse bei Pylephiebitis, 3. die mit Verödung von subkapsulärem Lebergewebe geheilten Fälle von tuberkulöser oder schwieliger Perihepatitis, 4. die primär interstitielle Alkoholzirrhosis, 5. die diffuse oder gummöse Form der syphilitischen Hepatitis interstitialis, 6. die Ausgangsstadien der Phosphorvergiftung mit ihrem primären Parenchymzerfall und der sekundären Bindegewebswucherung, 7. die ganze Gruppe der unbekannten Vergiftungen, die als akute gelbe Leberatrophie beginnen und später nach dem Untergang des Parenchyms der narbigen Schrumpfung verfallen. Wir sehen also, daß die Leberzirrhose keine einheitliche Krankheit darstellt, sondern daß in ihrer Aetiologie eine ganze Reihe von Krankheiten in Betracht kommt Es ist nun eine allbekannte Tatsache, daß sich bei diesen Erkrankungen der Leber sehr häufig ein Milztumor findet. Dieser Umstand ist schon den alten Aerzten bekannt gewesen, die diese Erkrankung, bei der im Darm schwarzer, teerartiger Inhalt vorkam, als Milzsucht bezeichnet haben. Es besteht also ein gewisser Zusammenhang zwischen der Leberzirrhose und dem Milztumor, und untersucht man diesen Zusammenhang näher, so läßt sich in den allermeisten Fällen nachweisen, daß die Schädlichkeit zuerst die Leber ergriffen und erst später nach einer gewissen Zeit die Milzschwellung hervorgerufen hat. Dies ist beim zirrhotischen Stadium der gelben Atrophie und dem Ausgang der Cholangitis und Pylephiebitis nicht zweifelhaft. Ja man kann sogar Fälle von Leberzirrhose beobachten, hei denen die Leber die schwersten Veränderungen aufweist, während sieh bei der Muz keine Schwellung findet. Ich möchte nun einige Fälle von Leberzirrhose beschreiben, von denen es sicher ist, daß die Erkrankung der Leber das Primäre ist, und dabei das Verhalten der Milz in diesen Fällen näher betrachten. Fall 1. 2Ojähriger Mann aus der Medizinischen Klinik. Zirrhose nich eitriger Hepatitis. Hyperplasie? Geringer Milztumor. Der erste Fall betrifft einen 2Ojährigen Mann, der im September 1909 auf die Medizinische Klinik aufgenommen wurde. Er litt zuerst an Bronchitis und zeigte bald Erscheinungen, die auf tuberkulöse Peritonitis hindeuteten. Darauf wurde er von einer schweren fieberhaften Krankheit mit Ikterus und sehr hohen Temperaturen befallen, die von Remissionen unterbrochen wurden. Der Mann starb. Bei der Sektion am 5. November fanden sich sechs Liter Abdominalflüssigkeit, die zuletzt durch bakterielle Infektion infolge einer Versehorfung des Mastdarms eitrig geworden war. Erscheinungen einer eitrigen Nephritis waren bei Lebzeiten nicht beobachtet worden. Das Sektionsprotokoll lasse ich wörtlich folgen: 2Ojähriger Mann von mäßig kräftigem Körperbau, sehr magerer, schmutziggrüner Haut. Beide Unterschenkel und Füße sind leicht ödematös. Ein eigentliches Gelb ist an der Haut nicht wahrnehmbar. øFrüher hat Ikterus mit Fieber bestanden. Aus dem stark aufgetriebenen Bau che läßt sich eine klare, bräunlichgelbe Flüssigkeit ausschöpfen, die vier bis fünf Liter beträgt. Bei weiterem Schöpfen des sechsten Liters findet sich eine deutliche eitrige Beimischung, die nach dem Stehen einen beträchtlichen gelblichen Bodensatz von Eiter liefert. Die Leber ist ziemlich groß, leicht uneben. Die Kapsel ist an mehreren Stellen weiß, undurchsichtig und verdickt, an vielen anderen Stellen schimmert durch die unebene Oberfläche ein griinlichbraunes Parenchym hindurch. Das Zwerchfell steht beiderseits am unteren Rand der vierten Rippe. Das Bauchfell ist überall hellgrau, spiegeind, ohne Tuberkein. Das Netz ist spinnwebendünn, mit kleinen atrophischen Fetträubchen. Brusthöhle: Nach Entfernung des Brustbeins sinken beide Lungen etwas zurück. Rechts besteht ein klarer Erguß von etwa 300 cern, links etwas weniger. Herz: Im Herzbeutel klare, gelbe Flüssigkeit von 120 cern. Das Herz, von einer ziemlich dicken, gallertigen Fettschicht überzogen, ist ziemlich groß. Ventrikel weit und schlaff, etwas dünn, gleichmäßig helirot. Klappen schlußfähig. Aortenostium 5,8 cm, Länge des Ventrikels 11: 9,5 cm, Ventrikeldicke bis 18 mm. 6. Juni 1912 DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. 1087 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1189561 fatcat:j3ziwofckrcc5a25lm3dxwyqqq