Eine Diphtheritis-Epidemie

H. Hensgen
1876 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
praki. Arzt in Neustadt (Cl-Berg). hei einer auch nur oberflächlichen Betrachtung der in den letzten Jahren verzeichneten Mortalitätsstatistiken fällt einem Jeden wohl der hohe Procentsatz von Todesfällen an Diphtheritis auf. Es ist nicht die jetzt besser gepflegte und in systematischer Weise behandelte Statistik überhaupt, oder das bei den jetzt vielfach ventilirten Pilzkrankheiten rege gewordene Interesse fur die Diphtheritis (verbunden mit einer exacter gestellten Diagnose dieser Krankheit)
more » ... dieser Krankheit) als einzige ursächliche Momente für das Verzeichniss dér so zahlreichen Sterbefälle ') geltend zu machen, vielmehr scheinen uns die in der letzten Zeit so vielfach veröffentlichten massenhaften Erkrankungen zu der Annahme zu berechtigen, dass gewisse Bedingungen vorhanden sind, welche eine grössere und häufigere Entwicklung dieser Krankheit begünstigen. Noch zu wenig unangefochten Feststehendes ist uns indess bekannt von der, unter bestimmten tellurischeu, oder atmosphärischen Bedingungen und Veränderungen eintretenden, organischen Entwicklung gewisser Pilzformen und noch weniger von dem specifisch krankmachenden Einfluss der letzteren auf den menschlichen Organismus, als dass wir diese oder jene Pilzart für Entstehung dieser oder jener Krankheit mit unzweifelhaft wissenschaftlichem Recht besehuldigen dürften. Drängte sich zwar dem vorurtheilsfreien Kritiker bei Berücksichtigung der in dieser Frage bereits gewonnenen Resultate, wie sie z. B. Hüter und Letzerich für Diphtherie, von Recklinghausen fur das Erysipel, von Da va i ne und Anderen festgestellt, leicht die Zustimmung auf, dass wir für gewisse Krankheiten wenigstens Organismen als Krankheitserreger anzunehmen haben, so ist doch wieder die Specifität einer Pilzart fur eine bestimmte Krankheit noch nicht als völlig erwiesen zu betrachten, wie dies z. B. von Senator') gegen den Diphtheritispilz Letzerich's hervorgehoben und für denselben bezweifelt ist. Diese Pilafragen, so eminent interessant, haben übrigens nicht nur ihre wissenschaftlich-theoretische, sondern auch cine grosse praktische Bedeutung, und mit ganz anderen Augen betrachtet heute der praktische Arzt z. B. eine Biphtheritisepidernie, welcher er als ursächliche Agentien Organismen zu Grunde legt, als ein älterer Arzt, der seinem unbekannten Genius. epidemicüs gegeüber stand. Es mag mir erlaubt gewesen sein, diese allgemeinen Gesichtspunkte vorauszuschicken, bevor ich zur Schilderung einer während des letzten ') Im Monat Mãrz L J starben in New-York 273 an Diphtheritis. ) Virehow's Archiv Band 56. 355 Winlers hier aufgetretenen Diphtheritisepidesnie übergehe. -Nachdem in einem südlich benachbarten Kreise die Diphtheritis bereits über ein Jahr epidemisch aufgetreten und ihre zahlreichen Opfer gefordert, kamen In der Mitte des September vorigen Jahres in hiesigem Landstlfdtcheu zuerst 2 Erkrankungsfälle vor bei Kindern von 4'/ und 5 Jahren, welche Beide tödtlich verliefen. Die geschehene Einschleppung der Diphthëritis und Vermittlung auf das erst erkrankte Kind muss wahrscheinlich dem Vater desselben zur Last gelegt werden, welcher vielfach in der ,benachbai'ta Gegend, wo Diphtheritis herrschte, geschäftlich verkehrte. Das zweite Kind hatte in der Vorschule neben dem Ersterkrankten gesessen, war also von diesem inficirt worden. Nachdem darauf in beiden Häusern noch andere Personen erkrankt, verbreitete sich die Diphthitis rasch weiter, und kamen in den nächsten beiden Wochen noch 14 andere Diphtheritisfälhe meist lei Kindern vor. Die eigentliche Epidemie, die als solche ziemlich auf die hiesige Stadtgemeinde beschränkt blieb -sporadische Fälle kamen auch im weiteren Umkreise vor -erreichte ihren Höhepunkt gegen Ende November his etwa Mitte Dezember und nahm dann allmälig an Intensität ab. bu Ganzen kamen während ihrer Dauer zu meiner Behandlung in den Moateu: September (1875) 16 Fälle, unter denen 3 Todte in Summa 213 Fälle, unter denen 31 Todt Die Mortahität betrug demnach 14,5 Proc. Zur VeransàhaiIiitbung des mit zunehmendem Lebensalter vermindertem Sterblichkeitsprocensatzes möge folgende Tabelle dienen, in welcher die behandelten Fälle nach 6 Altersklassen mit den betreffenden Sterbefallen zusammengestellt sind. Auffallend ist die so grosse Differenz der Mortahitätsproceùtsätze die mehr als das doppelte betragende Sterblichkeit der Klasse I iñ Verhältniss zu Klasse H und die 3 '/ mal so grosse Mortahitilt gegen Ktesse LU, eine Differenz, die auch von Anderen beobachtet worden, und für die ià ebenso wohl die Verschiedenheit der anatomischen und physioLogiseh Verhälmisse in den verschiedenen Altersstufen als auch besondera die in Jahre. s /-2 (mcl.)
doi:10.1055/s-0029-1193465 fatcat:zzafmfvrxfbihm3mia5mszt634