Ueber die Grundlagen der Martius'schen Herzspitzenstosstheorie

A. Schmidt
1894 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
In No 29 de Deutsehe medicinischen Wochenschrift hat Martius neuerdings Gelegenheit genommen, seine Theorie des Herzspitzenstosses zu vertheidigen und seine jetzigen Anschauungen über das menschliche Cardiogramm darzulegen. Diese Aeusserungen fordern dazu auf, auch den gegnerischen Standpunkt in Jieser Frage nochmals zu pritcisiren. Die Bedeutung der Martius'sehen Untersuchungen über das menschliche Cardiogramm I) beruht auf der planmässigen Anwendung eines schon früher bekannten Verfahrens zur
more » ... nten Verfahrens zur Deutung desselben, der akustischen Markirmethode". Seine Beobachtungsresultate und eiiie klare Einsicht in die in Betracht kommenden physikalischen Verhältnisse führten ihn zu der Annahme, dass auch am Cardiogramni des Menschen die beiden Hauptabschnitte der Systole, die "Verschlusszeit" und die "Austreibungszeit", deutlich unterschieden werden können. Martius' "Verschlusszeit" beginnt mit dem Anfang der Contraction der Ventrikel. Während derselben sind alle Klappen der Ventrikel geschlossen, der Innendruck steigt bis zur Höhe des Blutdruckes im Anfangstheil der Aorta, und der Hebel des Cardiographen zeichnet eine steile ansteigende Linie. Die "Austreibuugszeit" beginnt mit der Eröffnung der Semilunarklappen der Aorta, der Blutdruck bleibt auf der erreichten Höhe oder steigt noch, aber der Hebel zeichnet eine mehr oder weniger steil abfallende Linie auf das Papier. Am Ende der Austreibungszeit, also am zweiten Fusspunkt der cardiographischen Curve (altes Schema von Martins), oder auch ein wenig später, nach einer "Verharrungszeit" (neues Schema von Martins), erfolgt der Schluss der Semilunarklappen der Aorta, und es ertönt der zweite Herzton. Der Herzspitzenstoss also, die systolische Vortreibung der Thoraxwand erfolgt nur während der Verschlusszeit; er ist eine "Function derselben". Dieser letzte Satz bildet Martins' Theorie des Spitzenstosses. Eine Begründung derselben suchte Martius in einem Versuche am Menschen, in welchem er gleichzeitig Cardiogramm und Pulscurve aufzeichnete. Nach Abzug der Fortpflanzungszeit der Pulswelle fiel der Beginn des Pulses mit dem Gipfel des Cardiogrammes zusammen. Die Mart i us 'schen Anschauungen über Cardiogramm und Spitzenstoss wurden, wie bekannt, in der Folgezeit theils acceptirt, theils bekämpft. Die Einwände, welche gegen sie erhoben wurden, bezogen sich sowohl auf die Beobachtungsresultate als auf die theoretischen Schlussfolgerungen. Es wurde die Exactheit der von Martins verwendeten graphischen Apparate, die Zuverlässigkeit der "aknstischen Markirmethode", ganz besonders aber die Theorie des Spitzenstosses angegriffen. Die Frage nach der Brauchbarkeit der verschiedenen Apparate darf heute als entschieden betrachtet werden. Es ist ein besonderes Verdienst Hürthle's2), durch eine sehr sorgfältige Untersuchungsreihe unzweifelhaft nachgewiesen zu haben, dass weder der von M art i us verwendete G ru nm ach 'sehe Lufttransmissionsapparat, noch der Apparat von Knoll, mit welchem y. Ziemssen) arbeitete, ausreichend sind, die feinen Schwankungen des Herzstosses fehlerfrei wiederzugeben. Die Curven dieser Apparate sind durch Schleuderung gewaltig verunstaltet. Es hat sich gezeigt, dass die mit fehlerfreien Apparaten aufgenommenen Herzspitzenstosscurven eine ganz andere Gestalt aufweisen, als die Martius'schen und ähnliche Curven. Der systolische Theil des Cardiogrammes, welcher in diesen Curven im wesentlichen aus einem Auf-und Fig. 14), Niedergang des Hebels besteht (cf. Fig. 1 B) ,
doi:10.1055/s-0029-1205548 fatcat:542mpds6nzajhmiwqtaxcllxjy