Die Behandlung des Lungenemphysems

Fr. Jamin
1911 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Erlangen. M. H. ! Das Ltingenemphysem ist eine dauernde Vei änderung des Lungengewebes, bedingt durch Luftfiillung oder Blähung u nd Elastizitätsverlust. Die dabei erweiterten Lungenbläschen können nicht mehr durch elastische Nachwirkung des Gewebes zusammengezogen werden. Sie sind und bleiben. überdehnt. Schwund des Gewebes begleitet die Alteration und macht die Wiederherstellung des normalen Zustandes unmöglich. Die Behandlung des Lungenemphyseins hat daher nur insoweit Aussieht au Erfolg,
more » ... Aussieht au Erfolg, als die emphysematöse Veränderung des Lungengewebes eine beschränkte ist und es rechtzeitig gelingt, ihre Ursachen zu beseitigen oder in der Wirkung abzuschwächen und ihren Folgeerscheinungen auf Atmun.g und Kreislauf entgegenzutreten. Darum fallen auch die Maßnahmen zur Behandlung des Lungenemphysems großenteils mit denen zu dessen Verhütung zusammen. Pathologisch-anatomisch ist das Lungenemphysem durch die Vergrößerung der Alveolen, Verlust der Elastizität des Gewebes infolge von Auseinanderrerrung und Streckung der elastischen Fasern, Blutarmut des Gewebes, stellenweise Vernichtung der Epithelien, der Kapillaren und ganzer Tile der Zwischenwände der Lungenbläschen gekennzeichnet. Im klinischen Krankheitsbilde entsprechen diesen Veränderungen die subjektiven Erscheinungen der Atemnot, die objektiv nachweisbare Erweiterung der Lungengreuzen, Erschwerung und Verlangsamung des Ausatmens, fast vollständiges Verharren des Brustkorbes und des Zwerchfells im inspiratorischen Stande, die Folgezustände vermehrter Widerstände im kleinen Kreislauf: Hypertrophie des rechten Ventrikels, Herzmuskelinsuffizienz, Zyanose und Stauungserscheinungen. Die E r k e nn u n g der dauernden Blähungszustände der Lunge, besonders der sie begleitenden Stellungs-und Funktionsanomalien der für die Mechanik der Atmung maßgebenden Wandungen der Brusthöhle ist durch die Untersuchung mit Hilfe der Röntgenoskcpie und der Röntgenographie wesentlich gefördert worden. Ein exaktes Maß fur die Beurteilung der Fähigkeit des Lungengewebes, nach der inspiratorischen Luf tfüllung durch die Wirkung der elastischen Kräfte sich wieder in normalem Umfang zu entleeren, gibt freilich nur die in neuerer Zeit von Bohr und seinen Schülern ausgebaute Methode der spirometrischen Untersuchung, mit Bestimmung der Residualluft, d. h. der nach vollständiger Ausatmun.g noch in der Lunge verbleibenden Luftmenge. ist der Anteil dieser Restluf t an der Totalkapazität, d. h. derjenigen Luftmenge, welche die Lunge bei tiefster Inspiration zu fassen vermag, über das normale Verhältnis erhöht, so kann man auf eine verminderte Entleerungsfähigkeit der Lunge und damit auf Emphysem schließen. Leider lassen sich solche Untersuchungen in der Praxis 151 N 26 BERLIN, DEN 29. JUNI 1911 37. JRHRGRNO. nicht durchwegs ausführen. Die Unsicherheit in der Beurteilung der Lungenelastizität am Kranken läßt Vorsicht in der Deutung der klinischen Befunde geboten erscheinen. Nicht jede Lungenblähung und besonders nicht jeder Tiefstand der Lun.gengrenzen deutet ein Emphysem in dein eingangs erwähnten Sinne an. Oft wird erst eine längere Beobachtung Klarheit schaffen. Insbesondere ist darauf hinzuweisen, daß auch unter normalen Verhältnissen gesteigerte funktionelle Inanspruchnahme eine t e m p o r ä r e L ung e nb h ä h u n g hervorrufen kann . B o h r s Untersuchungen haben ergehen, daß die Mittelkapazität der Lunge, d. h. die Luftfüllung bei der ruhigen normalen Atmung sich stets der funktionellen Beanspruchung entsprechend ändert, mit ihrer Erhöhung ansteigt, mit ihrer Verminderun.g absinkt und daß auch die Menge der Residualluft von der Lungen.funktion ab hängt, sobald durch sehr angestrengte Arbeit die Herztätigkeit mit beeinflußt wird. Experimentelle Untersuchungen von Bruns, Hasselbach und Hofbauer haben gezeigt, daß auch beim Gesunden jede Beschleunigung der Atmung und Vertiefung der Inspiration, z. B. bei körperlicher Anstrengung, bei seelischer Erregung eine vorübergehende Lungenblähung zur Folge hat. Der Grund dafür ist nachì Hofbauer darin zu suchen, daß bei der willkürlich un.d unwillkürlich erhöhten Atmun.gstätigkeit nur die Funktion der Einatmung eine Verstärkung durch Zuwachs von Muskelkräf.ten erfährt, die Ausatmung jedoch den elastischen Kräften der Lunge und des Brustkorbes überlassen bleibt, die Zuhilfenahme der exspiratorischen Hilfsmuskeln für gewöhnlich nicht gebahnt ist. Bei jeder Inspiration wird der Lun.ge von neuem Luft zugeführt, ehe es den elastischen Kräften moglich war, die Lunge wieder entsprechend zu entleeren. Immerhin bleibt solche Ueberfüllung der Lunge, die temporäre Lungenblähung, nach den Untersuchungen von O. Bruns beim Gesunden nicht länger als eine Viertelstunde nach Beendigung d.er Körperarbeit bestehen. Stärkere Grade vorübergehender Lungenblähurig entstehen auf gleiche Weise, wenn eine Verengerung der Luftwege (Stenosen der oberen Luftwege, refiektorische und cntzündliche Einengung der Bronchiallumina) besteht. Es liegt nahe anzunehmen, daß häufige Wiederholung, hoher Grad und langes Andauern solcher temporärer Lungenblähung schließlich durch die Ueberdehnung der elastischen Elemente doch zu deren Schädigung und damit zu einer emphysematösen Veränderung führen können. Damit ist eine der Ursachen der Lungenblähung gestreift, die wir betrachten müssen, wenn wir Mittel und Wege zur Verhütung und Behandlung des Lungenemphysems suchen wollen. Halten wir an der wohlbegründeten Lehre Tendel o os fest, daß die Gewebsveränderungen beim Lungenemphysem als eine Dehnungsatrophie aufzufassen sind, so werden wir solche Einflüsse für die Entstehung des Emphysems anschuldigen müssen, die eine Ueberdehnung des Lungengewebes begünstigen. Wie erwähnt, kann diesewenn auch nur vorübergehender Natur -schon durch forcierte Inspiration zustandekommen. Die Dehnung greift dabei in Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0028-1130773 fatcat:jnehrb4fmzg6fn7b5r6yi7c2im