Michel Houellebecq oder die Unterwerfung der Liebe nach der Liebe [chapter]

2020 LiebeLesen  
Michel Houellebecq oder die Unterwerfung der Liebe nach der Liebe Es wäre zu verlockend gewesen, unsere Vorlesung mit dem von Gabriel García Márquez wunderschön angerichteten Glücksgefühl der erfüllten Liebe unserer zwei alten Leutchen aus Die Liebe in den Zeiten der Cholera zu beenden; doch ganz so wohlig und gemütlich wollte ich Sie nicht in das Leben außerhalb der Vorlesung entlassen. Beschäftigen wir uns also mit einem letzten Text aus dem Jahre 2015, der die Frage nach der Liebe im Kontext
more » ... er Liebe im Kontext politischer Lektüren und einer Überschreitung der Grenzen weg von der Demokratie hin zur Diktatur in seinen Mittelpunkt rückt und damit den Zusammenhang zwischen Liebe und Politik, der uns im Verlauf unserer Vorlesung immer wieder beschäftigt hat, intensiv erkundet. Der Protagonist von Michel Houellebecqs Roman Soumission ist ein Akademiker, genauer ein Literaturwissenschaftler und Spezialist für französische Literatur des 19. Jahrhunderts. Er hat die große Liebe seines Lebens, den Verfasser der 'Bibel' der Décadence und des Ästhetizismus, in den Gegenstand seiner philologischen Dissertation verwandelt, die er an der Université Paris IV -Sorbonne unter dem Titel Joris-Karl Huysmans, ou la sortie du tunnel einreichte und höchst erfolgreich verteidigte. Huysmans ist für uns wahrlich kein Unbekannter, denn wir haben uns in unserer Vorlesung ausführlich mit ihm beschäftigt! Die große Liebe ist für ihn folglich eine Lektüre. Literaturwissenschaft und Literatur bilden gleichsam Gläser, durch welche in dem nachfolgend zu besprechenden Roman eine außersprachliche Wirklichkeit betrachtet wird, die zumindest einer französischen Leserschaft durch die Einbeziehung vieler zeitgenössischer und historischer Namen sowie einer Vielzahl nachprüfbarer Details sehr vertraut ist. Die Mimesis einer denkbaren französischen Wirklichkeit des Jahres 2022 und die intratextuellen Bezüge zu einem Schriftsteller des Fin de siècle bilden so das Textgewebe, aus dem dieser Roman gefertigt ist. Rolle und Funktion der Literatur werden im Verlauf dieses Werkes immer wieder diskutiert und auf die dargestellten Ereignisse bezogen. So heißt es bereits kurz nach dem incipit, in dem sich der Protagonist namens François seiner "triste jeunesse"1 und seiner frühen Liebe zu Huysmans erinnert: Allein die Literatur kann Ihnen erlauben, in Kontakt mit dem Geist eines Toten zu treten, auf eine direktere, vollständigere und tiefere Art, als dies selbst die Konversation mit einem
doi:10.1515/9783110665093-025 fatcat:hmvm5g4llrag5d6wo73zgjogii