Die Naturphilosophie vor Sokrates

Ernst Chr. Hch. Peithmann
1902 Archiv für Geschichte der Philosophie  
Es giebt verschiedene Gr nde, weshalb das fast unausgesetzte Studium der vorsokratisohen Philosophie von Aristoteles bis auf unsere Zeit doch nicht die gew nschten Fr chte gezeitigt hat. Wir sind heute noch ebenso weit entfernt von einem klaren Verst ndniss des Heraklit wie zur Zeit des Aristoteles oder des Diogenes Laertius. Noch niemand hat eine vern nftige Auslegung von dem "Sein" und "Nichtsein" des Parmenides gegeben. Die Ausleger haben genug "in Worten gekramt", aber sie haben die Sachen
more » ... e haben die Sachen nicht klargelegt, um welche sich das philosophische Interesse dreht. Und doch m ssen wir voraussetzen, dass diese ltesten Philosophen ganz bestimmte Sachen im Auge hatten und nicht bloss leere Worte machten. Aristoteles ist nach meiner Meinung schuld an all der Verwirrung, die in der Geschichte der vorsokratischen Philosophie herrscht. Der Stagirite hatte sich seine eigene Philosophie zurecht gemacht. Um irgend eine Sache zu erkl ren, sagte er, muss man ganz deutlich die vier Ursachen klarlegen n mlich την δλην, το είδος, το χινησαν und τδ ου Ινεκα. Diese vier αίτίαι m gen aber auch reducirt werden auf zwei: ή ύλη Brought to you by | University of Queensland -UQ Library Authenticated Download Date | 6/20/15 3:10 PM Die Naturphilosophie vor Sokrates. 215 und το είδος 1 ). Diesen Ursachen nachzuforschen, sagt Aristoteles, inuss nun auch vor allen Dingen die Aufgabe des Naturphilosophen sein. Aristoteles nimmt es f r sich in Anspruch, dass es ihm v llig gelungen, nach diesen Regeln die Welt zu erkl ren. Aber zur selben Zeit giebt er zu, dass die verschiedenen Philosophen vor ihm mit mehr oder weniger Erfolg ber die eine oder andere dieser Ursachen nachgedacht haben oder wenigstens zuf lligerweise darauf gestossen sind 3 ). Wenn er nun zur ckgeht zu den Anf ngen der Philosophie, so besteht f r ihn wenig Zweifel, dass die ltesten Philosophen ausschliesslich mit der ύλη besch ftigt waren. Er hat durch m ndliche Ueberlieferung erfahren, dass Thaies von Milet die Aeusserung gethan hat, "dass die Erde auf dem Wasser liege" und "dass sie in ihrer Lage verharre als schwimmender K rper wie etwa ein St ck Holz oder dergleichen". Aristoteles z gerte nicht, hieraus den Schluss zu ziehen, dass Thaies das Wasser als ύλη oder materielle Ursache des Weltalls ansah. Betreffs Anaxiniander wusste man, dass er die, Theorie aufstellte, dass die Dinge aus dem άπειρον entstanden und ebendahin auch • wieder verschw nden. Anaximander hatte nicht n her bezeichnet, was er unter dem άπειρον verstand, vermuthlich weil seinen Zeitgenossen dieser Ausdruck hinreichend bekannt war. Aristoteles aber ist schnell bei der Hand, dies άπειρον (n mlich den unendlichen Raum) in eine bestimmte ύλη umzuwandeln, indem er es bezeichnet την μετάξι) φόοιν αέρος τε και πυρός ή αέρος τε χαΐ ύδατος. Betreffs Anaximenes hatte er leichte Arbeit Dieser hatte nach allgemeiner Ueberlieferung behauptet, dass die Dinge (τα οντά) "aus der Luft" (αήρ) ins Dasein k men und "in die Luft" auch wieder verschw nden. Aristoteles konnte hier nat rlich keinen Augenblick zweifeln, dass der Letzte von den Milesischen Philosophen die Luft als materielle Ursache oder ύποχείμενον ansah. So hatte er denn die drei ersten M nner gl cklich untergebracht. Jetzt kam Heraklit an die Reihe. Er wird von allen Historikern
doi:10.1515/agph.1902.15.2.214 fatcat:tgg7pqlrczao3gbn5zhwlxqe6i