Methodik der Diphtherieprophylaxe

Karl Kassowitz
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die moderne Diphtherieprophylaxe sieht ihre Aufgabe nicht allein in bakteriologisch-hygienischen Maßnahmen, welche durch dauernde Isolierung sämtlicher Infektionsträger eine nur selten realisierbare Entkeimung eines bestimmten Milieus bezwecken, sondern sie ist bestrebt, sich über die Krankheitsbereitschaft der einer Infektion ausgesetzten Personen zu orientieren und nach dieser Sichtung die weitereti Vorbeugemaßnahmen auf die Untergruppe der wirklich Gefährdeten zu beschränken. Nach
more » ... en. Nach ausgedehnten Untersuchungen des lmmunitätszustandes von Menschen in allen Altersperioden hat sich gezeigt, daß in einem beträchtlichen Prozentsatz von vornherein der spezifische Diphtherie. schutzkörper vorhanden ist, und zwar findet sich dieser Immunitätszustand vom 15. Jahr aufwärts und auch bei Neugeborenen in zirka 84 O/o, während er im Laufe des 1. Lebensjahres bis zu zirka 30 0/o absinkt, um dann allmählich bis zur Pubertät wieder anzusteigen. Da es sich auch feststellen ließ, daß das Vorhandensein dieser humoralen Immunität genügt, und zwar bis zu einem Antitoxintiter herab von nur 0,01 A.E. pro I ccm Serum, um vor Erkrankung zu schützen, so handelte es sich nur um eine verläßliche, leicht anwendbare Methode, um durch Ausschaltung der von vornherein geschützten Individuen den Kreis der gefährdeten und schutzbedürftigen Personen enger zu ziehen. Diese Methode ist vor ungefähr zehn Jahren von Schick ausgearbeitet worden, sie wurde seit.her in größtem Stil zuerst in Amerika, dann so ziemlich in allen Staaten nachgeprüft, und die umfangreiche Literatur, die darüber vorliegt, besagt ziemlich einstimmig, daß sich das Verfahren praktisch bewährt. Es besteht darin, daß man von einem beliebigen Diphtherietoxin eine Verdünnung wählt, welche annähernd dem gerade noch wirksamen Grenzwert bei intrakutaner Injektion in die Haut eines nicht immunen Individuums entspricht. Die Menge Toxin, die zur Injektion gelangt, entspricht zirka 1/ letaler Meersdiweinchendosis, und die Reaktion, welche ähnlich der Pirquetschen Impfung in einer nicht schmerzhaften Rötung und Schwellung besteht, zeigt das Fehlen von Antitoxin in den Körpersäften an oder, genauer gesagt, einen Antitoxingehalt won unter A.E. in I ccm Serum, eine Schutzkörpermenge, welche erfahrungsgemäß vor Erkrankung schützt. Was die Verläßlichkeit dieser Hautprobe anbelangt, so ist bisher keine praktisch in Betracht kommende Ausnahme von der Regel bekannt geworden, daß der negative Ausfall der Reaktion mit voller Sicherheit die vorhandene Immunität nachweist. Daß der positive Ausfall iiicht ebenso austialimslos das Fehlen des Immunitätszustandes anzeigt, kann der prakischeli Brauchbarkeit der Methode nicht viel Abbruch tun. Uebcrdies können diese, besonders im Kindesalter recht seltenen Pseudoreaktionen auf das im Toxin in Spuren vorhandene Bakteriennuklcoproteid (Endotoxin) durch Ausführung einer Kontrollreaktion mit iiiaktiviertem Toxin festgestellt werden. Das Vorgehen gestaltet sich demnach so, daß die in Infektionsfürsorge stehende Gruppe durchgeimpft wird und daß man nach Feststellung des Ergebnisses nach 48 Stunden die weiteren Maßnahmen nur auf die positiv Reagierenden, Toxinempfindlichen, d. h. zu r Erkrankung Disponierten, beschränkt. Handelt es sich um eine bedrohliche Epidemie mit Massenerkrankungen schwerei Art, wie sie übrigens in unseren Gegenden seit vielen Jahren nicht beobachtet wurde, dann wird man nicht unihin kötnen, die ganze Gruppe der Gefährdeten durch pasive Immunisierung auf verläßliche Weise, wenn auch nur für kurze Zeit, vor Erkrankung zu schützen. Läßt einem der Charakter der Epidemie aber mehr Zeit und Aktionsfreiheit, dann tritt eine Methode des prophylaktischen Vorgehens in ihre Rechte, über die ich heute ausführlicher berichten möchte, das sind nämlich Maßnahmen, welche die Bildung spezifischer Schutzstoffe durch das Individuum selbst anzuregen geeignet sind. Im Prinzip war die Gangbarkeit dieses Weges eigentlich schon dadurch bewiesen, daß bei Tieren durch Injektion von Toxin ein manchmal ungemein hoher, lange hestehenbleibender Antitoxintiter zu erzielen war. Hinsichtlich der theoretischen Bedenken und praktischeu Schwierigkeiten hei der Anwendung auf den Menschen sei auf den Artikel von Prof. L ö w e n s t e I n in derselben Nummer dieser Zeitschrift verwiesen. Es soll nur ein wesentlich praktischer Einwand erwähnt werden, welcher gegen die Art der Methodik zu erheben ist, welche nach y. B e h ri n g und seinen Mitarbeitern, besonders H a h n und R o h m e r , als die vorläufige Standardmethode anzusehen sein soll Dadurch, daß in dem von den Behring-Werken herausgebrachten Diphtherieschutzmittel ein gewisser, nicht neutralisierter Toxinüberschuß vorhanden ist, erscheint bei der Anwendung iii jedem einzelnen Fall, in Anbetracht der großen individuellen Unterschiede iii der Toxinempfi!idlichkeit, große Vorsicht geboten. Aus diesem Grunde wurden bei jedem einzelnen Individuum ganze Serien voll sogenannten "probatorischen Injektionen" mit vorsichtig ansteigender Dosierung vorgenommen, bis die gewünschte Reaktionsstärke, die "sensibilisierende Reaktion", erreicht wurde. Diese Menge wurde nun nach 11 Tagen neuerdings als sog. "anfitoxinproduzierende Injektion" wiederholt. Die immunisatorischen Erfolge, welche von den Autoren dieser Methode erzielt wurden, sind tatsächlich recht befriedigend, können aber trotzdem nicht über die Erkenntnis wegtäuschen, daß bei dieser Umständlichkeit des Vorgehens eine Au. wendung in großem Stil, die ja bei dem Ausbruch einer wirklich bedrohlichen Epidemie ebenso wie bei der Vakzination womöglich die ganze Bevölkerung umfassen sollte, nur schwer durchführbar sein dürfte. Pa rk scheint allerdings schon eine vereinfachte Me-Ihodik angegeben zu haben, da in Network aktive Imniunisierungen bereits in größerem Umfang durchgeführt werden. Inwieweit aber die wesentlichsten Schwierigkeiteii bei Anwendung der L ö w e n steinscheu, im Tierversuch atoxischen T.A.-Mischung vermieden werden, sollen die folgenden Versuche zeigen 1). Um ein Vergleichsmaterial zu haben, wurden zuerst 22 Kinder mit dem y. B e h ring scheu Schutzmittel TA. 7 behandelt, wobei anfangs noch vorsichtiger als nach Vorschrift mit der Verdünnung 80 begonnen wurde, um sukzessive von Injektion zu Infektion in der Konzentration anznsteigen. Nach der K lei usc h mid t -Vierecksehen Einteilung der Reaktionsgrade wurde der zweite Reaktionsirad, d. h. deutlich gerötetes Infiltrat ohne regionäre Drüsenschwellung und Fieber. in der Regel schon bei einer Verdünnung I: 10, manchmal sogar I 20 erreicht, während nach der beigegebenen Anweisung bis auf I : 5 und noch weiter gesteigert werden kann. Die nicht ganz idealen Erfolge, die hierbei erzielt wurden, sind vielleicht auf dieses vorsichtige Vorgehen zurückzuführen, doch trägt man unwillkürlich Bedenken, nach einer Reaktion 40 : 40 in der Inlektion teilweise unneutralisierteu Toxins weiterzugeben. Der Immunitätszustand wurde nach etwa vier Wochen mittels der Toxinreaktion nach Schick geprüft, bei den zu diesem Zeitpunkt noch nicht Immunisierten nach weiteren vier Wochen wiederholt. Die Resultate varen: n a ch vier Wochen von 22 Kindern 14 imniunisiert, 8 nicht; nach acht Wochen 17 immun, 5 nicht (77,50). Nun wurde das L ö wen stein sche vollneutralisierte Toxin-Ahtitoxingemisch vorgenommen und zuerst vorsichtig in den ersten Fällen die lokale Reaktionsweise ¡n Verdünnungen festgestellt. Es zeigte sich, daß, ähnlich vie beim Meetschweinchen, das unverdünnte Präparat in einer Menge von 0,1 ccm intrakutan nur eine lokale Wirkung ausübte, welche allerdings manchmal recht ansehnlich war (ca. 40 mm Durchmesser). Es wurdeti nun 40 Kinder mit einer einmaligen intrakutanen Injektion von 0,1 ccm des unverdünnten Präl) Die folgenden Versuche wurden unter Mitarbeit von Dr. Oskar Loewy, Hilf sarzt der Klinik, ausgeführt. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1140806 fatcat:t6xiei5wezcnlco5ss6evtbvle