Zur Schutzwirkung des Friedmann-Tuberkulosemittels

1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
ini Verlaufe des vorigen Jahres habe ich in unserer Poliklinik eine größere Reihe von Kindern, zum Teil prophylaktisch, zum Teil wegen Bronchialdrüsentuberkulose, nach Friedmann behandelt. Die Beobachtungszeit ist bisher zu kurz, uni über Erfolg oder Mißerfolg der Behandlung ein Urteil in fällen, lieber die beiden folgenden Fälle glaube ich aber schon jetzt berichten zu können. 1. J. Sp., 10 Jahre alt. Vater lungenkrank. Mutter gesund. t)er Knabe hatte vor I /a Jahren Lungenentzündung; jetzt
more » ... ntzündung; jetzt seit etwa drei Wochen Husten, Nachtschweiße und Auswurf. Befund am 15 X. 1020: Blasser, magerer Knabe. Herz o. B. lieber den Lungen beiderseits vereinzelte Rasselgeräusche, keine Dämpfung. d'Espine: 1V. Brustwirbel. Pirquet +. Gewicht 34 kg. Die Röntgenplatte zeigt sehr inassigen Hilus mit mehreren kleinbohneugroßen Drüsenschatteu beiderseits. Vom rechten Hilus zieht ein fingerdicker, dichter Schatten bis zum Zwerchfell, auch sonst zahlreiche Stränge. Lungenfelder frei. Diagnose: Bronchitis, Broiichialdrüsentuberkuiose. 22. X: 0,2 Friedmaun schwach subkutan. -11. XI. lujektionsstelle reaktionslos, bohnengrolic Verdickung. Hustet noch viel. Ueber beiden Lungen verstreute Rasselgeräusche, links voim oben etwas Giemen. 27. 1. 1921. Patient wird gebracht, weil er seit einigen Tagen eine Schmerzhaftigkeit mid Verdickung des linken Hodens bemerkt hat. Befund: blaß, mager. Gewicht unverändert. Ueber beiden Luneii einzelne Rasselgeränsche. Die linke Seite des Skrotums ¡st leicht gerötet und dicker als die rechte Seite. Der linke Nebenhoden titid Samenstrang ¡st dick, hart, man fühlt darin eingelagert mehrere erhsengroße. druckempfindliche Knoten. Diagnose : Nebeihodentuberkulose. Der Knabe wurde der Chirurgischen Iiniversitiits-Poliklinik überviesen, wo die Diagnose bestätigt wurde. H. L., 9 Jahre alt. Mutter au Tuberkulose gestorben. Vater ist lungenkrank, hatte Rippenfellentzündung. Ein Bruder an Tuberkulose, außerdem 13 Geschwister an nicht bekannten Krankheiten gestorben. Der Knabe ist bisher nie wesentlich krank gewesen ; er wird zur Untersuchiiiig auf Tuberkulose gebracht. Befund: Gute Farbe, mittlerer Eriiährungszustand. Erbsengrolle Submaxillardrüsen beiderseits. Bohnengroße Nackendrüsen. IJeber der Pulnionalis Ieise systolisches Geräusch, Herz sonst o. B. Lungen ohne Dämpfung, ohne Rasselgeräusche. Pirquet J----. Röntgenplatte : Dichter, vergrößter Hilusschatten beiderseits, mit mehreren scharfumschriebenen Drüsenschatten und starken Strängen nach den Oberlappen ; Lungenfelder frei. Diagnose : Bronc-hialdrüsenttiberkulose. VII. 1920. 0,2 Friedniann schwach subkutan. II. 1921. Patient wird wieder vorgestellt, weil er seit l-1 Tagen eine Schwellung an der rechten Brustseite hat; er ist in der Zwischenzeit immer gesund gewesen ; die lnjektionsstelle soli stark geeitert haben. Befund : Leidliche Farben, mittlerer Frnährungszustand. Injektionsstelle reaktionslos mit bohnengroßer Narbe. Lungen o. B. Auf der rechten Brustseite über der IV. bis V. Rippe apfelgroße, entzündlich gerötete, weiche, schmerzhafte Geschwulst, an deren Rändem man deutlich eine Verdickung der Rippen fühlt. Diagnose; tuberkulöse Rippenkaries. lu der Chirurgischen LJniversitäts-Poliklinik, der wir den Knaben überwiesen, wurde diese Diagnose bestätigt. Bei dem ersten Falle handelte es sich uni einen Knaben, der wegen Bronchialdrüsentuberkulose mit dem Friedmannschen Mittel behandelt wurde. In den 21 Monaten, die wir den Knaben beobachteten, hatte die Behandlung keinen sichtbaren Erfolg. Ein Urteil darüber ist in der kurzen Zeit auch nicht möglich. Aber auch subjektiv fehlte die von vielen Seiten berichtete Besserung, die als baldige Folge der Einspritzung auftreten soll ; das Ailgemeinbefinden, (lewicht, Husten und Nachtschweiße waren unverändert geblieben. Au der Injektionsstelle war das Bakteriendepot reaktionsios eingeheilt. Nach 21/2 Monaten trat aber eine linkseitige Nebenhodentuberkulose auf. Bei dem zweiten Knaben, der stark tuberkulös belastet keine klinischen Krauikheitszeichen bot, bei dein aher der stark positive Pirquet und die Röntgenplatte das Bestehen einer zur Zeit inaktiven Bronchialdrüsentuberkulose bewiesen, vu nie prophylaktisch eine Friedmannsche Einspritzung gegeben. Ohne daß sich das Allgenueinbefinden und der objektive Befund geändert hätten, trat nach 7 Monaten eine tuberkulöse Rippenkaries auf, nachdem in der Zwischenzeit das impfdepot sich stark entzündet hatte und abszediert war. In beiden Fällen hat also das Friedmanusche Mittel als Schutzmittel völlig versagt, denn 'on einem S ch mutzmittel muß man doch in erster Linie verlangen, daß es cille Verbreitung der Tuberkulose auf andere Organe u n d K ö r p e rt e j I e y e r h U t e t. Liii Mittel, das nicht einmal dazu imstande ist, wird noch viel weniger einen gesunden Organismus beim Eintreten eines Infektes gegen eine Ersterkrankutug schützen können. Bei dein zweiten meiner Fälle könnte vielleicht der Abszedierung des Impfdepots die Schuld an dem Versagen der Schutzwirkung gegeben werden, indem dadurch eine Störung des lmpfschutzes eingetreteuu sei In den Richtlinien F r i e d m a n n s ist jedoch von euler solchen Störung nicht die Rede. Nach DO h rs s e n (D. m. W. 1920 Nr 33) ist die Abszedierung sogar ein gutes Zeichen, denn er führt sie darauf zurück, dali bei Besserung des Zustandes der kranke Organismtus nur ein kleines Manko ait Immunkörpern zu decken hatte mind, nachdem er dieses Ziel mit Hilfe des Friedunaunschen Mittels erreichte, den Ueberschuß an Antigenen ausstößt". Tritt aber cine Verschlimmerung ein, so liegt nach Düh rs s e n eine Störung der Immunkörperbildung z. B. durch interkurrente Krankheiten vor. Irgendwelche Erkrankungen sind bei unseren beiden Patienten nicht vorgekommen. Auch Traumen, die vielleicht als Ursache der Rippen-bzw. Nebenhodeiituberkulose in Frage kämen, sind nicht von den Eltern bemerkt worden. Aber selbst angenommen, es hätten die Knaben einen Stoß rzegeul die betreffenden Körperstellcn erlitten, wie ihn Kinder ja alltäglich bekommen können, so wäre dies nur ein weiterer Beweis für die mangelnde Schu±zkraft des Friedmannschen Mittels; es ist natürlich, sehr bequem für alle Verschlininierungen, die ja im Verlauf der Tuberkulose durch alle möglichen Erkrankungen, Erkältungen usw. hervorgerufen werden, eine Störung der Schutz-oder Heilwirkung des Friedmannschen Mittels anzunehmen. Daß durch Schädigungen der genannten Art Verschlimmernngen im Verlauf jeder' Tuberkulose eintreten können und bei latent Tuherkniösen die Erkrankung dadurch zum Ausbruch gebracht werdeu; kann, sind bekannte Tatsachen und, wenn durch eben dieselben Schädigungen auch die Schutz-bzw. Neilwirkung des Friedmannschen Mittels gestört werden soll, so ist dies eigentlich nur ein Beweis, daß dem Mittel eine Wirkung auf die Tuberkulose fehlt. Wenn dagegen von F ri e dma n n angeführt wird, daß durch die Schutzimpfung mit seinem Mittel Hunderte von tuberkulös gefährdeten Kindern nicht an Tuberkulose erkrankt seien, so ist dies kein Beweis für die Wirksamkeit des Mittels, denn es gibt ebenso viele und noch mehr Kinder, die ohne eine Friedmannsche Behandlung bis zur Pubertät und länger von manifesten Erscheinuuigen der Tuberkulose frei bleiben. Ein Urteil darüber, ob die von F ri e dm a nu mind seinen Anhängern schuitzgeimpften Kinder wirklich von Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1140909 fatcat:okjreptngvcsjikzs543cfwbfu