Gerinnungshemmende Medikamente im Vorfeld operativer Eingriffe

Miodrag Filipovic
2020 Primary and Hospital Care  
Viele Patientinnen und Patienten, denen ein operativer Eingriff bevorsteht, nehmen gerinnungshemmende Medikamente ein. Täglich stellt sich somit die Frage, ob diese abgesetzt, unverändert weitergeführt oder durch andere Substanzen ersetzt werden sollen. Einführung Während viele chronisch eingenommene Medika mente auch perioperativ unverändert eingenommen werden dürfen oder gar sollen, gilt dieser Grundsatz bei gerinnungshemmenden Substanzen nicht. Da sie ein weites Indikationsspektrum
more » ... sspektrum aufweisen, stellt sich die Frage nach dem Weglassen, Weiterführen oder Modifizieren der gerinnungshemmenden Dauerthera pie sehr häufig. Dabei gilt, das thrombotische bzw. thromboembolische Risiko, das durch das Weglassen der gerinnungshemmenden Medikation steigt, gegen das Risiko einer relevanten Blutung, die durch das Weiterführen dieser Medikation verursacht oder ver stärkt wird, abzuwägen. Die meisten Empfehlungen basieren nicht auf rando misierten klinischen Studien. Die Festlegung des peri operativen Vorgehens ist immer eine individualisierte Entscheidung, und ihr muss ein strukturiertes, nach vollziehbares und interdisziplinär anerkanntes Vorge hen zugrunde liegen. Am Kantonsspital St. Gallen ist dieses in der sogenannten «Gerinnungskarte» fest gehalten, die unter der Bezeichnung «Thrombosepro phylaxe und periinterventionelle antithrombotische Therapie» [1] auf der entsprechenden Internetseite her untergeladen werden kann (kssg.ch/fuerzuweiser/ser vices/hilfsmittel) und auch ein regelmässiges Update erfährt. Die Abbildungen in diesem Artikel sind dieser «Gerinnungskarte» [1] entnommen. Sie sind dement sprechend als lokale Empfehlung zu verstehen, haben aber weit über das Kantonsspital St. Gallen hinaus Ver breitung gefunden. Thrombozytenaggregationshemmer Thrombozytenaggregationshemmer werden breit und häufig bei praktisch allen Krankheiten des arterioskle rotischen Formenkreises eingesetzt. Die Wirkung auf die Thrombozytenfunktion ist je nach Präparat unter schiedlich ausgeprägt, sie hält aber bei fast allen Subs tanzen auch nach deren Absetzen über mehrere Tage an. Ob perioperativ ein Thrombozytenaggregationshem mer weitergegeben oder abgesetzt werden soll oder ob sich ein komplexeres Vorgehen aufdrängt, lässt sich anhand der Abbildung 1 entscheiden. Dabei wird das zerebro und kardiovaskuläre thromboembolische Ri siko in drei Klassen eingeteilt, nämlich tief bis mittel, hoch und sehr hoch. Patientinnen und Patienten ohne manifeste arteriosklerotische Erkrankung gehören der tiefsten Risikoklasse an. In dieser Patientengruppe sol len alle antithrombozytären Medikamente im Vorfeld einer Operation oder Intervention abgesetzt werden. Zur höchsten Risikoklasse gehören hingegen Patienten mit einem in den letzten zwölf Monaten durchge machten akuten Koronarsyndrom (unabhängig von der Art der Behandlung), solche mit Koronarinterven tionen im Rahmen einer stabilen Krankheit in den letzten sechs Monaten und Patienten mit zerebro vaskulären Ereignissen im letzten Monat. Diese Patien tinnen und Patienten bedürfen einer genauen und individualisierten Risikoabschätzung, wobei die ver schiedenen chirurgischen, anästhesio logischen und kardiologischen Aspekte gegeneinander abgewogen werden. In der mittleren Risikoklasse finden sich Patienten mit dokumentierten arteriosklerotischen Erkrankungen ausserhalb der Zeitfenster der Hoch risiko gruppe. In ähnlicher Art und Weise werden die verschiedenen Eingriffe und Interventionen aufgrund Die Festlegung des peri operativen Vorgehens ist immer eine individualisierte Entscheidung. PRIMARY AND HOSPITAL CARE -ALLGEMEINE INNERE MEDIZIN 2020;20(5):174-177
doi:10.4414/phc-d.2020.10210 fatcat:57ej7letrvbhjfdrrfn6gqwv4e