Spinozas und Kants Sittenlehren

A. Brachmann
1901 Archiv für Geschichte der Philosophie  
Die ethischen Ideen der epochemachenden philosophischen Systeme sind deshalb nicht ohne Interesse, weil von den praktischen Folgerungen uns ein helles Licht über den Bau des GesammtsySterns verbreitet wird. Abgesehen hiervon verdient und erfordert die philosophische Ethik hauptsächlich durch die Beantwortung der für das menschliche Leben wichtigen Frage, wie gehandelt werden soll, innige Theilnahme. Erhebend wirkt die Betrachtung, dass die ethischen Lehren erleuchteter Geister gewissermassen
more » ... r gewissermassen ein Spiegelbild ihrer Individualität sind. Wie sie lehren, so handeln sie auch. Ein Spinoza geht auf in, der in t eile et u eilen Liebe zu Gott, in immer vollkommenerer Erkenntniss der Wahrheit, ein Kant im Gehorsam gegen den kategorischen Imperativ und in der Erfüllung der Pflichten. Diese innere Harmonie zwischen Leben und Lehre jener grossen Männer weist auf die Wahrhaftigkeit iljrer Gesinnung, auf den Ernst, mit welchem sie das Leben betrachtet und in seinen letzten Principien zu erkennen gestrebt haben. Freilich hat kein Philosoph des Alterthums noch der Neuzeit die Ethik so tief gefasst, wie der erhabene Stifter des Christenthums, welcher mit dem schärfsten sittlichen Blick und feinsten sittlichen ürtheil die Gesinnung, den Willen, die Reinigkeit und Heiligkeit des Herzens betonte und Liebe zu allen Menschen forderte. Brought to you by | Yale University Authenticated Download Date | 6/29/15 3:04 AM
doi:10.1515/agph.1901.14.4.481 fatcat:qhf5mkrd7jfqvk6ugnkccma2lq