2. Die Juden in der Verlachtradition [chapter]

2020 Land, Dorf, Kehilla  
Kehren wir zurück zu Siegwart und seinen Mitreisenden in der Postkutsche auf dem Weg nach Ingolstadt und fassen einmal nicht Repräsentanz, Konnotation und Zuschreibungen ins Auge, sondern den Handlungsverlauf. Und so stellt sich die Frage: Was wird hier, im wahrsten Sinn des Wortes, eigentlich gespielt? Einen Hinweis darauf liefert die unmittelbare Fortsetzung. Während Kaspar sein Desinteresse mit einsilbigen Antworten bekundet, »spotteten« der Offizier und der Kondukteur »beständig über den
more » ... ständig über den Juden, fragten ihn verschiedenes; und wenn er zu erzählen anfieng, lachten sie über ihn«. 130 Und in der Fortsetzung lesen wir: »Gegen Abend wurde der Jude, der sein Abendgebet verrichten wollte, von dem Offizier unaufhörlich so geneckt, daß er sich endlich, ungeachtet des ärgsten Regens, aus dem Wagen hinaussetzte, und die ganze Nacht da sitzen blieb.« 131 Dem Offizier und Kutschenführer dient der Jude zur eigenen Belustigung. Sie weisen ihm dabei die Rolle zu, die Judendarstellungen bis über das 18. Jahrhundert hinaus zu erfüllen hatten, nämlich eine burleske. In der ersten Etappe der Reise inszenieren Offizier und Kondukteur allerdings einen regelrechten Judenschwank, der selbst an der Textoberfläche des Romans noch Merkmale der Gattung bewahrt. Mit »Mauschel«, dieser zum Spottnamen, zum diffamierenden Appellativ umgemünzten Kose-/Diminuitivform des aschkenasischen Mausche/Mosche, wird der Jude angesprochen, der sogleich in Geschrei und Lamentationen verfällt. Das hochdeutsche »o weh« ersetzt zwar das sonst übliche »au weih«, wie auch die Fortsetzung keine jiddischen Dialektworte enthält, bewahrt aber den Gestus des Unbeherrschten und Wehleidigen. Dazu weist die Handlung Konstruktionsfehler auf, stillschweigend hingenommene Unwahrscheinlichkeiten, wie sie typischerweise volkstümlichen Erzählungen und Bühnenstücken eignen, die so zielstrebig auf eine Pointe zusteuern, dass der Realitätsbezug der Kurzweil zum Opfer fällt. Wie sollte etwa die Anwesenheit eines toten Schweines (olfaktorisch) unbeachtet geblieben sein? Nicht das Szenario selbst, 132 sondern die Plumpheit der Ausführung verrät die literarische Tradition 130 Miller, Siegwart (wie Anm. 65), S. 542. 131 Ebd., S. 543. 132 Dass Juden der Verzehr von Schweinefleisch aufgenötigt wurde, man sie in Schweineställe sperrte oder sie auf andere Weise mit Schweinen oder Schweinefleisch drangsalierte, belegen zahlreiche Beispiele: »Die offensichtliche Andersartigkeit [der Juden] wurde unterstrichen, das Unvertraute wurde dem Spaß, Spott und Haß preisgegeben. Die Ansatzpunkte waren zunächst Die Juden in der Verlachtradition des Schwanks, der, episch überformt und verfremdet, im Roman keinen komischen Effekt erzielt. Zur Schwankliteratur der Frühen Neuzeit Das klassische deutsche Schwankrepertoire geht im Wesentlichen auf das Zeitalter des Humanismus und der Reformation zurück, wo die Gattung nach Vorbild der italienischen Fazetie 133 eine erste Hochblüte erlebte. Spöttisch aufs Korn genommen wurden darin soziale Typen wie die in ihren Begierden äußerst weltlichen »Pfaffen« und Mönche, einfältige Bauern, ehebrecherische Weiber, betrügerische Wirte, habgierige Kaufleute u. a. 134 Die Liste an satirisch ausgeschlachteten Lastern ließe sich erweitern, soll hier aber in erster Linie einen Eindruck der Derbheit vermitteln, die einem Genre eignet, wo Sexualität, Skatologisches und Brachialgewalt offen zur Schau gestellt werden. Andererseits verweisen sie auf die gesellschaftlichen Diskurse einer Zeit, die konfliktreich ausgetragen den rechten Glauben, Frondienst, Bauernstand und Weiblichkeit zum Gegenstand hatten (Reformation, Bauernkriege, Hexenverbrennungen). Juden treten in den Schwänken zwar bedeutend seltener in Erscheinung als andere Figuren, sie gehören aber dennoch zur fixen Besetzung und kommen, je nach Autor, einmal mehr oder weniger zum Auftritt. 135 Das darin vermittelte Bild des Juden gründet Bürgertum ergötzte sich mit perverser Lust an diesen kuriosen Merkwürdigkeiten; [...] Dem Landvolk dienten sie zu schlichteren, aber nicht minder handgreiflichen Belustigungen. Die Judensau, das ekle Requisit der antijudaistischen Flugblattliteratur, wurde auf dem flachen Land zum Anlaß für gemeine Späße. Der Herr von Eyb ließ 1718 einen Hohebacher Juden in einem Schweinestall incarcerieren. Sogar der Proselyt Harpstatt, dessen Feindschaft gegen das Judentum fast keine der üblichen Vokabeln und Unterstellungen vergaß, klagte, daß »die Christen die Juden auf allerhand Weise muthwillig« plagen, wie z. B. »mit Zunöthigung Schweinen Fleisch Speck Bratwürst zu essen solche in ihre Häuser zu werfen oder ihnen in die Kleider heimlich zu schieben« (Jeggle, Judendörfer in Württemberg [wie Anm. 13], S. 19f.). -Ähnliche Beispiele bringt auch Schudt, Jüdische Merckwürdigkeiten (wie Anm. 71), VI. Buch, 15. Cap., § 22, S. 281. -Johann Adam Wening: Historisch-und moralische Erzählungen für den gemeinen Mann und die Jugend. München 1784, S. 107-111. 133 Für eine ausführliche Darstellung des Texttyps Fazetie s. Johannes Klaus Kipf: Cluoge geschichten. Humanistische Fazetienliteratur im deutschen Sprachraum. Stuttgart: S. Hirzel 2010 (Literaturen und Künste der Vormoderne; 2), S. 19ff., bes. S. 29-31.
doi:10.1515/9783110674255-003 fatcat:zcwrrldaungftnaregti3fbj3q