Ueber das "Beinphänomen" bei Tetanie1)

W. Alexander
1910 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
AIs "ein bisher unbekanntes Symptom" demonstrierte H. Schlesinger 2) am 10. Februar 1910 in Wien bei einem Erwachsenen mit typischer Tetanie (spontane Krampfanfälle in Armen und Beinen) folgendes Ph änomen : , ,Erfaßt man das im Kniegelenk gestreckte Bein und beugt stark im Hüftgelenk ab, so stellt sich nach kurzer Zeit (spätestens zwei Minuten) ein Streckkrampf im Kniegelenk bei extremer Supination des Fußes ein." "Das Beinphänomen ist an das Zustandekommen einer starken Beugung im Hüftgelenk
more » ... gung im Hüftgelenk geknüpft. ' ' Es stellte sich auch ein beim Aufsitzen im Bett und im Stehen bei gestreckten Beinen mit gebeugtem Oberkörper. Durch Druck auf den N. ischiadicus konnte es nicht hervorgerufen werden. -In einem Nachtrag berichtet Schlesinger über eine fast identische Beobachtung ; nur bestanden hier spontane Krämpfe in den Beinen nicht. Es war aber an den letzteren "auch das Trousseausche Phänomen nachweisbar". Seitdem Ist das neue Phänomen von Glässner einmal bei einem Erwachsenen, von Em. Gottlieb einmal bei einem rachitischen Kinde mit Tetanie beobachtet und einmal bei einem ebensoichen vermißt worden.3) Schlesinger mißt dem Beinphänomen, wenn sich sein Vorkommen als konstant erweisen sollte, eine erhebliche diagnostische Bedeutung zu, da jedes weitere Symptom, welches die Tetanie in der anfalifreien Zeit zu diagnostizieren gestattet, von Wert ist. Im folgenden berichte ich über eine derartige Beobachtung, welche die Angaben Schiesingers im wesentlichen bestätigt, aber doch in einigen Punkten von ihnen abweicht: Ein 37jäliriger Buchhalter, der seit 22 Jahren in Berlin lebt, leidet an typischer Tetanie. Erster Anfall vor 15 Jahren. Jetzt seit einigen Wochen spontane Anfälle in den oberen und unteren Extremitäten, der Riickenmuskulatur, der Zunge, den Gesichts-und Schlundmuskeln, vielleicht auch dem Sphincter vesicae. Befund: Typische Handhaltung, C hv oste ksches Phänomen III. Grades, T ro us se ausches Phänomen, elektrische und mechanische Uebererregbarkeit der motorischen, weniger deutlich der sensiblen und sensorischen Nerven.4) Beinphänomen: Beugt man das im Knie gestreckte Bein durch passives Erheben am Fuß im Hiiftgelenk ab, so verstärken sich die schon in der Ruhe zu beobachtenden flimmernden Bewegungen in den Muskeln des Fußrückens und der Wade nach wenigen Sekunden zu erheblichem Muskeiwogen. Zu diesem Zeitpunkt treten auch im Fuß Parästhesien auf, die allmählich zentralwärts fortschreiten. Sie werden nach 45-60 Sekunden ausgesprochen schmerzhaft. Dabei spreizen siels die Zehen, werden leicht gebeugt, der Fuß gerät ganz allmählich in Supination und, indem sich die Achillessehne stark anspannt, in Spitzfußstellung. Nunmehr ist der Krampf auf der Höhe. Die einzelnen Bündel sowie die Gesamtkontur der Wadenmuskeln springen stark hervor, fühlen sich steinhart an, und es gelingt auch mit erheblicher Kraft nicht, Fuß und Zehen aus ihrer Stellung zu bringen. In demselben Zustand befinden sich jetzt auch die Strecker des Unterschenkels. -Um dieses Phänomen hervorzurufen, bedarf es einer Beugung im Hüftgelenk von nicht einmal 90°. Bei stärkerer Beugung treten die Erscheinungen allerdings etwas schneller ein. Beim Niederlegen des Beines verschwindet alles fast momentan. Während der ganzen Manipulation bleiben die Pulse der A. tibialis und pediaea so deutlich fühlbar wie in der Ruhe. Dementsprechend tritt weder eine Aenderung in der Farbe noch in der Temperatur des Beines auf. Das Symptom erscheint allein an dem erhobenen Bein. Setzt sieh der Kranke im Bett mit ausgestreckten Beinen auf, so tritt das Phänomen in beiden Beiden geichzeitig auf. Ebenso, wenn er im Stehen mit gestreckten Beinen den Oberkörper bis zur Horizontalen beugt. Nach dieser Uebung geschieht das Aufrichten des Oberkörpers nur unter Schmerzen und mit Schwierigkeiten. (Krampf der Bauchmuskeln und des Ileo-psoas.) Bei nicht gebeugtem Hüftgelenk (Bauchiage) ist das Phänomen durch noch so starke Beugung im Kniegelenk nicht auslösbar. Es läßt )
doi:10.1055/s-0028-1142822 fatcat:jycta43hkba2jff2b47vamrkve