Die Theologie und das Ethos der Wissenschaften

Leo Scheffczyk
2014
Die Forderung nach »Interdisziplinär!tat« als Forschungsprogramm oder Forschungsmaxime wird heute von vielen wissenschaftlichen Disziplinen erhoben und ins Werk gesetzt 1 ). Auch die Theologie hat sich dieser Forderung angeschlossen, wie viele neuere Aktivitäten zeigen 2 ). Dabei wird man, von rein wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen ausgehend, zugeben müssen, daß die theoretischen Grundlagen für ein solches wissenschaftliches Arbeiten noch weithin unreflektiert sind und eine begründete
more » ... nd eine begründete Theorie der Interdisziplinarität, die ihre wissenschaftliche Notwendigkeit, ihre Möglichkeiten und Grenzen ausweist, bislang aussteht 3 ). Von diesem Fehlen erscheint die Theologie besonders betroffen; denn bei der Faszination, die heute von den Natur-wie von den Humanwissenschaften und ihren Erfolgen ausgeht, wie bei der Besorgtheit der Theologie, nicht mit gleichen Erfolgen aufwarten zu können, entsteht hier ein einseitiges Gefälle des Einflusses, das die Theologie methodisch wie inhaltlich in die Abhängigkeit von den Wissenschaften geraten läßt. Das wird methodologisch etwa dort besonders deutlich, wo in der Moraltheologie die »human Wissenschaft liehe Grundlegung« 4 ) vorausgeht *) Als Beispiel für den deutschen Bereich seien die Arbeiten und Veröffentlichungen von »Imago Mundi«, einer internationalen Interessengemeinschaft für Grenzgebiete der Wissenschaft, genannt, deren gleichnamiges Periodikum (hrsg. von A. Resch) 1973 im 4. Bd. erschien. 2 ) In dieser Richtung wirkte u.a. seit 1955 die Internationale Paulusgesellschaft; seit 1956 wird dieses Anliegen in intensiver Weise von dem Institut der Görresgesellschaft für interdisziplinäre Forschung (Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie) gepflegt (vgl. die Reihen »Naturwissenschaft und Theologie« und »Grenzfragen«, hrsg. von N. A. Luyten). Aber auch die Internationale Zeitschrift für Theologie »Concilium« hat sich in Einzelbeiträgen der Thematik immer wieder angenommen, vgl. u. a.: 3 (1967), 5 (1969), 7 (1971). 3 ) Vgl. die Stellungnahme zu dieser Problematik von N. A. Luyten, Interdisziplinarität und Integration, in: Fortschritt im heutigen Denken? Grenzfragen Bd. 4, München 1974, 286-303. 4 ) Vgl. A. Auer, Autonome Moral und christlicher Glaube, Mainz 1971, 39fT. 5 ) Darauf weist neuerdings hin J. G. Ziegler, Zwischen Vernunft und Offenbarung. Zur Quellen-und Methodenfrage in der Moraltheologie, in: Theol. Revue 70 (1974) Nr. 4, 267. 6 ) Fr. Böckle -A. W. von EifiF, in: Concilium 7 (1971) 347-353. 7 ) So erklärte M. Horkheimer: »Alles, was mit Moral zusammenhängt, geht logisch letzten Endes auf Theologie, jedenfalls nicht auf säkulare Gründe, wie sehr man sich auch bemühen mag, die Theologie behutsam zu fassen«. In: Der Spiegel 1970, H. 1/2, 80f. 8 ) K. Steinbuch, Die Verantwortung der Naturwissenschaftler und Techniker für eine humane Welt, in: Phys. Blätter H. 5 (1971) 398. 9 ) W. Schultz, Philosophie in der veränderten Welt, Pfullingen 1972, 718. 10 ) Vgl. ein frühes Werk dieser Richtung: A. J. Ayer, Language, Truth and Logic, London 1936, deutsch: Sprache, Wahrheit und Logik, Stuttgart 1970.
doi:10.5282/mthz/2499 fatcat:inwvc7brunfc3jey3ic6kt2tza