Ein Beitrag zur Kasuistik der Purpura cachectica

Th. Voeckler
1904 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in die Haut kommen sowohl als idiopathisehe, als auch symptomatische vor; im ersteren Falle charakterisieren sie eine primäre Erkrankung und beherrschen das Krankheitsbild; im zweiten gesellen sie sich sekundär zu einem bereits bestehenden Leiden hinzu und sind gleichsam ein Symptom desselben. In allen Fällen soll nach y. Kogerer') eine freilich nicht immer aufgefundene Schädigung der Gefäßwand und Thrombenbildung in den kleinsten Gefäßen und Kapillaren die Hämorrhagien veranlassen, nach
more » ... lassen, nach Litten2) jedoch nur in einem Teile der Fälle, und zwar besonders symptomatischen Purpuraformen bei chronischen, den Ernährungszustand stark beeinträchtigenden Krankheiten. Bei diesen wird die Schädigung der Gefiitiwand augemein erklärt durch die Verschlechterung der Blutbeschaffenheit, wodurch die Gesamternährung und Funktion aller Gewebe notleidet, an der auch das Gefällgewebe, besonders das der Kapillaren teilnimmt. Es entsteht so ein Zustand von vermehrter Brüchigkeit und Durchlässigkeit der kapillaren Wandungen, der zunächst nur zu Blutungen disponiert, bei höheren Graden seiner Entwicklung aber, ferner bei Anwesenheit sonstiger auxiliärer Momente nicht selten . . . . zu Blutungen wirklich führt".3) Die auf diese Weise entstehende Form der hämorrhagischen [)iathese führt den Namen Purpura cachectica. Die Krankheiten, welche gelegentlich zu ihrem Auftreten führen, sind nach Neisser4): Icterus gravis, schwere Malaria, I) y. Kogerer, Zur Entstehung dec Hauthämorrhagien. Zeitschrift für klinische Medizin Bd. 10, S. 24d 1f. 2) Litten, Die hämorthagischen Diathesen. Deutsche KLinik Bd. 3, S. 470f. .-3) Immermann, Ernährungsstörungen. Ziemssens Handbuch Bd. 13, LIeft 2, S. 7(X)ff. -4) Ebstein-Schwalbe, Handbuch der praktischen Medizin Bd. 3, S. 40. DEUTSCHE MEt)IZINISCITE WOCIIENSOffltTh1. 841 Leukämie, Typhus, septische Allgemeininfektion, Tuberkulose, Karzinose, schwere Anämie, Alkoholismus, Nierenerkranku ngen; nach y. Kogerer (1. 0.) besonders auch Erkrankungen des Herzmuskels. Ueber die klinischen Verhältnisse der Purpura cachectica läßt sich nächstv.Kogerer nur Matthieu'i genaueraus: Beide beschreiben die Blutaustritte als punktförmig bis linsengroß, rundlich oder länglich , einzeln oder gruppenweise auftretend, manchmal konfluierend, gewöhnlich beschränkt auf Uand-. Fußrücken, Unterarm, Ellenbogen-und Knöchelgegend, nur selten die Schleimhäute 'ind die übrigen Partien des Körpers befallend. Matthieu meint, daß für ihr Auftreten bei Herz-und Nierenerkrankungen -und diese Gruppe soll uns hier speziell interessieren -die Albuminurie verantwortlich zu machen sei : daneben könne es bei chronischen Herzleiden auch zu lokal beschränkt bleibenden Blutaustritten kommen. teils als Folge von Embolien, teils durch das Zusammenwirken vm Stasen und Oedemen. Statistisches Material findet sich über diesen Punkt in der Literatur, soweit mir dieselbe zugänglich war. nur bei V. Bamberger2), der unte,' einer großen Zahl von Nierenerkrankungen nur fünf Fälle mit Hautblutungen fand. Bei diesen bestanden die Purpuraflecke an den unteren Extremitäten Monate hindurch unverändert. Zwei kamen zur Sektion, davon einer mit Herzklappenfehler kombiniert. Bei beiden fanden sieh neben den Hauthämorrhagien auch noch solche innerer Organe. Das veranlaßt y. Bambergei', die Purpura bei Nierenkrankheiten prognostisch ungünstig zu beurteilen, eine Ansicht, der sich auch Matthieu anschließt. In diesem Sommer nun kam auf unserer Abteilung ein hierher gehöriger Fall zu,' Behandlung, der sieh in vieler Heziehung von dem für gewöhnlich Beobachteten und iiterai'isch Niedergelegten unterschied. Am 6. Juli 1903 wurde der 5üjährige Invalide Christian L. mM Haus aufgenommen. V o rg e s ch i ch t e : Vater an Pocken, Mutter an Il erzselmlag gestorben; ein Bruder gesund. Mit 21 Jahren erkrankte e' b'im Militiji an Brustfell-und Lungenentzündung. 1895 erlitt der dunials 12 ,jährig Patient inmitten vollständiger Gesundheit einen Schlaganfall, ud,i rcli die ganze rechte Körperhälfte gelähmt und die Sprache stark beeintracistigt wurde. Nach Ausweis cines damals ii" Krankenhause ungfertigten Krankenjournals fehlten Herzvorbreiterung und Eiweillausscheidung im Unu. Seit dieser Zeit ist der bis dahin als Wiegeineistir beschäftigte Patient invalide, da sieh die LLihmung der Etremitätmi nu,' unvollkommen zuriickbildete ; das Sprechvermögen stellte sich fmut vollkommen wieder her. 1896 machte er einen Gelenkrheumatismus durch, bei dem die Fuß-, Knie-und Ellenbogengelenke geschwollen und sehmiier-zhaft gewesen sein sollen. Ueber den damaligen Zustand des Ilerzeims war nichts zu erfahren. Erst als der Patient im März 191)0 wegen l{eiße"s in den Beinen ärztliche 1-lilie aufsuchte, wurde zum ersten Male rima, Verbreiterung (les Herzens und Eiweißanssclmeidung im I rir1 konstatiert. Nun hören wir von dem Patienten weiter, daß schon 1895 einmal das rechte Bein geschwollen gewesen sei, tmnd zwar nur amo 'Fago, am stärksten am Abend, und daß sich bald auch in demit gelalmimiten Arise, eine Schwellung bemerkbar gemacht habe. Seit deni Jahre 189ö hat sich Kurzatmigkeit eingestellt, die ganz allmählich, aber stetig zunahm. Seit Mai 1903 schwelle auch das linke Bein an, mind seien bride Beine seitdem immer dicker geworden. In letzter Zeit etwas Hustem,. Anm 4. Juli nun wurden zum ersten Male kleine zunächst stecknadelk(,1,fbis linsengrolle, dunkeirote T'lecke auf beiden Beinen ber"erkt, welche auf Fingerdruck nicht verschwanden. Temperatursteigeru ng. J uck reiz, Kopfschmerz oder stärkeres Krankheitsgefühl fehlte gänzlich. Die roten Fleckchen vergrößerten sich rasch und schlossen sich zu größeren Flecken zusammen. Patient ist seit 181 verheiratet; er hat keine Kinder, seine Frau soll überhaupt niemals in andere Umstände gekommen sein (nie abortiert). Lues, sowie jede genitale Affektion wird geleugnet. Schnaps will er so gut wie nie, Bier nur seh r mäßig getrunken haben, Status pr a e sens: Mittelgroßer Patient von kräftigem Körperbau. Sensorium vollständig frei, Sensibilität und Reflexe ohne Besonderheit. Temperatur 36,5, Puls 68 pro Minute. Kopf: gedunsenes Gesicht; gebräunte, leicht zyanntische Gesichtsfarbe. Pupillenreaktion prompt. Die Zunge mäßig belegt. Zahnfleisch normal injiziert, nicht gewulstet, nicht aufgelockert, frei von Blutungen. Geringer Foetor ex ore. Am Halse beiderseits prall gefüllte Venen. Thorax: breit, von normaler Wölbung. Die Atmimung etwas freiuent, l Matth ieu, Purpuras cachéctiques. Arch. général de md. 1853, Vol. 2, S. 273 1f. 2) Würzburger medizinische Zeitschrift Bd. I, S. 34ä) 1f. In dieser Arbeit wird die Zahl der Beobachtungsfalle nicht angegeben, doch auf eimic andere verwiesen, der 248) Nephritisíälle zu Grunde liegen. 106 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1187553 fatcat:t5thipbw6ffwhixcrhgn2cmzxa