Der Elektromagnetismus in der Augenheilkunde

1883 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Mit diesem Aufsatze betrete ich ein Gebiet, welches nicht zu meiner Specialität gehtrt; wenn daher das, was ich sagen werde, sieh nicht ganz iii der Sprache der Augenärzte bewegt, so möge man dies eutschuldigen. Ich glaubte aber einige Bemerkungen über den obigen Gegenstand nicht zurückhalten zu sollen, als nach dem Ausspruche eines Augenarztes (Dr. Samelso bu in der Ben. kim. Wocheaschrift No. 48, 1881) "bei der Neuheit des Verfahrens jede Bereicherung der Casuistik von Werth ist', als ich
more » ... h ist', als ich ferner mich eingehender mit dem Elektroniagnetismus zum Zwecke der Entfernung von Eisentheilen aus der Luftröhre beschäftigt habe (cf. Monatsschr. für Krankh. der Ohren, des Khlkopfes etc. No. 12, 1879: eine Nähnadel über der Bifurcation der Trachea etc.), ich auch meine neue galvanocaustische Tauchbatterie zugleich für den Elektromagneten habe einrichten lassen und mit dieser Batterie hier in Breslau bereits sehr gelungene Operationen in der Augenklinik des Herrn Prof. Or. Cohn und der des Herrn Dr. Jany vollführt worden sind. Einer dieser Operationen, bei Herrn Dr. Jany, habe ich selbst beigewohnt. Es handelte sich um einen Eisensplitter, welcher einem Schmied in das linke Auge geflogen war ; wir sahen denselben sehr deutlicli durch den Augenspiegel, metallisch glänzend, in dem Glaskörper hin und her flottiren. Nachdem Dr. Jany an dem äusseren Augenwinkel, nach welchem hin man den Splitter flottiren sah , die Conjunetiva etwas abgelöst und die ScIera eingeschnitten hatte, wurde der Hirschherg'sche Elektromagnet in Verbindung mit meiner Batterie angewendet; beim zweiten Male Eingehen mit der magnetischen Sonde lag der Eisensplitter in der Wunde Un(l wurde herausgenommen ; das Sehvermögen ist erhalten worden. Bei dieser Operation wurden in mir eine Anzahl Fragen über diesen Gegenstan rege, die ich mir durch Experimente zu beantworten gesucht habe ; das Ergebniss derselben theile ich hier luit. Es muss als Fundamentalsatz zunächst aufgestellt werden : Bei allen Experimenten und Operationen am und im Auge mit dem Elektromagneten, ist der möglichst kräftigste Elektroinaguet zu verwenden. Von er Stärke des Magneten hängt grossen Theils das Gelingen oder Misslingen der Operation ab. Wenn z. B. Dr. Samelsohn in dem einen Fille die Operation misslang (Berliner kIm. Wochenschr. No. 49, 1881, Verhandlungen der Niederrheinischeu Gesellsch. für Natur-und Heil--kunile in onu), so möchte ich dies darauf schieben, dass der Elektromagnet zu schwach war. Dr. Samelsohn berichtet: "Da es somit klar war, dass sich der fremde Körper in dem unteren äusseren Theile des Auges befand, so war der Versuch angezeigt, dessen Entfernung mit dem Magneten zu unternehmen." Die Operation misslang und das Auge wurde enucleirt. "Die Section des entfernten Bulbus zeigte nun, dass der Schnitt den Sitz des Eisensplitters in überraschend genauer Weise gefunden hatte. Derselbe lag dicht an dem einen Schnittrande eingebettet mn ein Blutgerinnsel, welches sich zwischen Netz-und Aderhamt befan(l. Das Misslingen der Operation war also allein darauf zurückzuführen, dass der Magnet zu weit in den Binnenraum des Augapfels geführt wurde, statt dass es angezeigt gewesen wäre, die Wunde selbst in ihren einzelnen Theilen mit der Spitze des Magneten zu durchtasten. Für fernere Fälle ergiebt sich demnach die Indication zunächst die Formhäute in der Wundregion mittelst des Magneten genau zu sondiren und dann erst zur Durchforschung des Glaskörperraunies überzugehen." Nach meiner Meinung wäre sicherlich der Eisensplitter auch im Vorbeigehen des Elektromnagneten von diesem angezogen worden, wenn der Elektromagnet sehr kräftig gewesen wäre, denn es war nicht nöthig mit der Spitze (les Magneten nach dem Splitter zu suchen, da diese am wenigsten niagnetiscli ist an dein Instrumente; je mehr sich die Sonde dem Eisenkern resp. der Kupferspirale um denselben nähert, desto kräftiger ist der Magnetismus; würde die Sonde noch länger aus dem Eisenkern ausgezogen sein, sich also noch mehr von der Kupferspirale entfernen, so würde sie zuletzt allen Magnetismus verlieren. Das erste Desiderat für dergleichen Operationen bleibt also ein sehr kräftiger Elektromagnet I Zu demselben wird aber nöthig sein, einerseits: eine sehr kräftige galvanisehe Batterie und ein leicht zu hancihabender, kräftig wirkender Elektromagnet. Deshalb sind die gewöhnlichen Flaschen-Tauch-Elemente als Batterie für unseren Zweck nicht zu empfehlen. Die Operation, der ich hei Herrn Jany beiwohnte, führte derselbe mit meiner Batterie aus, an welche der Hirschberg'sche Elektromagnet angeschraubt war. Nun habe ich mit diesen beiden Apparaten weitere Versuche an Thieraugen angestellt, die Folgendes ergeben haben. Meine neue lauchbatterie entspricht allen Anforderungen, und sie ist in wenigen Minuten zusammengestellt und für die Operation fertig; durch einfaches Oeffnen des Kastens tritt sie in Wirksamkeit und so stark, dass ich mit meineni grossen Elekromagneten , wie ich ihn zur Entfernung von Nadeln aims dem Larynx empfohlen habe, 20 Pfund zu heben im Stande bin. S viel wird man freilich mit einem Elektromagneten , welcher zu einer Augenoperation dienen soU (Hirschberg'schen) nicht heben können, denn es hängt die Stärke des Magneten nicht bios von der der Batterie und der Grösse der Kupferspirale ah, sondern auch von dem Eisenkern in der Spirale. Nun darf aber für Augenoperationen das Instrument nicht zu schwer sein , es ist also dem Emsenkern (Elektromagneten) eine gewisse Grenze gesetzt. Es kommt ferner Alles darauf an, bei möglielister Ilandlichkemt des Operations-Instrumentes einen möglichst kräftig wirkenden Elektromagneten herzustellen. Mit meiner Batterie und dem Hirschberg'schen Elektromagneten (d. h. mit dem Eisenkern, dicht an der Kupferspirale desselben nicht mit der Spitze der Sonde denn diese trägt noch weniger) vermag ich 12/ Loth zu heben; (lies erschien mir eine zu schwache Wirkung. Ich liess deshalb einen Elektromagneten fertigen, ganz von derselben Gestalt, Form, Grösse und Gewicht wie der Hirschberg'sche, aber mit anderer Spirale, und vermag ich mit diesem Instrument und meiner Batterie I Pfund 17 Loth, also 4 mal so viel als mit dem Hirschberg'schen zu heben. Wir haben ferner hei unserer Operation noch zwei andere Gesetze des Magnetismus in's Auge zu fassen. Einmal ist die Wirkung des Elektromagneten sehr von seiner Forum und Gestalt abhängig. Bei derselben Batterie und derselben Eisenmasse wird man mit der in einer Sonde ausgezogenen Spitze des Magneten weniger heben können, als mit dem dicken Ende desselben. Andererseits hängt die Wirkung des Elektromagneten von der Grösse des in den Körper gedrungenen Eisenstückes ab. Man ist im Stande mit einem sehr kräftigen Elektromagneten ein Bajonnet, welches bis an das Heft in einen thierischen Körper eingestossen ist, herauszuziehen (. . . .), (wie ich es selbst gesehen habe) man ist aber nicht im Stande mit demselben Elektromagneten eine Nähnadel herauszuziehen -weil diese zu wenig Eisenmasse besitzt und also zu wenig Anfassungs-Punkte für den Magneten darbietet. Daraus ergiebt sich, dass die Chancen für die Operationen geringer werden, je kleiner der Eisensplitter ist, welcher in das Auge gedrungen, desto nöthiger ist aher auch bei einem solchen ein äusserst kräftiger Elektromagnet. Nach diesen Principien habe ich nun die für Augenoperationen (Hirschbergscheu) bestimmten Elektromagneten so einrichten lassen, dass an das eine Ende des Eisenkernes die verschiedensten Instrumente angeschraubt werden können : sondenförmige, starke, dicke, knopfförmige Ansätze etc. Wenn man in die Cornea eines Thierauges einen Einschnitt macht, etwa wie hei der Staaroperation, und senkt durch diesen Schnitt einen Eisensplitter (Sp i tze einer Nähnadel) in die vordere oder hintere Augenkammer, so ist es häufig gar nicht nöthig mit der elektromagnetischen Sonde in das Auge einzugehen, sondern es genügt, d. h. immer mit der Voraussetzung bei einer starken Batterie, d en d i ck e n kn o p ffö r ni i gen Ansatz des Elektromagneten nur aussen auf das Auge resp. auf die Cornea aufzusetzen; man kann daun die Nadel vom Boden der Augenkammer, mit deni Magneten aussen auf der Cornea fortgleitend, successive fortleiten his zur Wunde resp. Einschnitt, wo dann die Nadel plötzlich an den Magneten heranspringt. Selbst ein so spitzer Eisensplitter wie eine Nähnadelspitze, spiesst sich nicht immer so fest in die Gewebe ein, dass sie nicht dem Magneten folgen sollte. Ganz dasselbe kann man versuchen, wenn der Eisensplitter in den Glaskörper gedrungen, es dürfte hier obiges Experiment noch elmer gelingen, denn wenigstens sahen wir in dem Falle von Dr. Jauy die Eisensplitter durch den Augenspiegel deutlich hin und her flottiren. Die Experimente, die ich am Kalbsauge anstellte, liessen mich nicht allein einen in den Glaskörper geschobenen Eisendraht deutlich flottiren sehen, als ich den dicken Knopf des Elektromagneten aim verschiedene Stellen des Buibus hrachte, sondern der Draht kam auch durch die Wunde heraus und sprang an den Magneten, ohne dass ich mit dem Magneten in (las Auge eingegangen war. Dies wird freilich beim Patienten nicht immer gelingen, denn es kommt darauf an, ob der Eisensplitter sich nicht etwa mit dem einen Ende in festes Gewebe eingespiesst hat, dennoch dürfte aber das eine, freie Ende des Splitters den Bewegungen des Magneten folgen, so dass man wenigstens seimen könnte, wo der Splitter im Auge sich befindet, wie dies schon Me. Keown (Ben. kim. Woch. No. 46, 1879: Hirschberg, ein seltener Operationsfall) und Pagenstecher (Archiv für Augenheilk. von Knapp und Hirschberg, 1881 Band X) deutlich beobachtet haben und hierauf aufmerksam machen als auf ein werthvolles Diagnosticum durch 4en Magneten. Ich muss hier noch auf einen Irrthum -wenigstens halte ich ihn nach meinen Versuchen für einen solchen -aufmerksam nmachen, der bei solchen Operationen sieh bereits scheint eingebürgert zu haben, nämlich den, dass man das "Anklappen" des Eisensplitters an den Magneten höre. Wenn dies möglich wäre, würde dies zunächst nur bei grossen Eisensplittern vorkommen können, denn auch beim feinsten Gehöre wird man einen minimalen Eisensplitter 16. Mai DEUTSCHE MEDICINISCHE WOCHENSCHEIFT. 295 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1197199 fatcat:oicwuxfeqvblnbw6pba7cdzvpa