Mathe studiert – und dann?

Kristina Vaillant, David Muschke
2017 Mitteilungen der DMV  
Seit Januar 2017 unterrichtet David Muschke Mathematik in der Klasse 8.3 der Refik-Veseli-Schule, einer Sekundarschule im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Mathematik studiert hat der 29-jährige gebürtige Dresdner im zweiten Anlauf, sein Entschluss Lehrer zu werden, musste erst reifen. Eine Reife, die seinen Schülern zugute kommt. Denn ihnen will er nicht nur Mathematik beibringen, sondern vor allem zu Erfolgserlebnissen verhelfen. Herr Muschke, wie kam es dazu, dass Sie von einer aussichtsreichen
more » ... r aussichtsreichen Karriere in einem großen Verlag ausgerechnet auf den Beruf des Mathematiklehrers umgeschwenkt sind? Dreieinhalb Jahre Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule und begleitend eine Art Traineeprogramm in verschiedenen Verlagsbereichen, hauptsächlich in Hamburg, mit Auslandssemester in Spanien und Hospitation in London -das war für mich eine spannende Ausbildung. Ich habe aber auch gemerkt, dass mich diese Arbeit langfristig nicht so erfüllt. Deshalb habe ich schon gegen Ende des Studiums überlegt, mich beruflich umzuorientieren. Gab es einen Auslöser für diesen Sinneswandel? Nicht direkt. Der Lehrerberuf hat irgendwie immer schon in mir gesteckt. Als Jugendlicher hatte ich zum Beispiel die Angewohnheit, für mich selbst Tests zu entwickeln, wenn ich mich auf Klassenarbeiten vorbereitet habe. Während meines ersten Studiums in Hamburg habe ich dann einen Lehrer kennengelernt, der ein sehr guter Freund geworden ist und als Lehrer auch ein Vorbild. Er hat an einer Gesamtschule im Hamburger Vorort Allermöhe unterrichtet, wo ich später auch ein freiwilliges Praktikum absolviert habe. Wir haben sehr viel darüber gesprochen, was eine gute Schule ausmacht und was das Lehrersein bedeutet. In dieser Zeit habe ich mich für das Lehramtsstudium entschieden. Und warum für Mathematik als Fach? Das hat mit meinen eigenen Erfahrungen als Schüler zu tun. An der Schule bekommt man ja oft mit, dass Mathematik angeblich nur etwas für die Schlauen ist; dass Mathe schwierig ist, dass man viel üben und vielleicht auch ein gewisses Talent mitbringen muss. Nach dem Motto: Mathematik kann nicht jeder. Ja, genau. Ich selbst hatte in der Schule zwar immer sehr gute Noten, mir ist Mathematik also leichter gefallen als den meisten anderen. Später an der Universität habe ich aber gemerkt, dass ich nicht so schnell lerne wie die Mathe-Überflieger. Ich brauchte mehr Lernzeit und weniger abstrakte Erklärungen. Insofern war das Fach eine große Herausforderung für mich. Wie man Mathematik für Schüler zugänglich machen kann, das hat mich schon immer interessiert. Während der Schulzeit habe ich meinen Mitschülern Nachhilfe gegeben. Und die sagten manchmal zu mir: Jetzt habe ich das zum ersten Mal kapiert! Das war nicht nur für sie, sondern auch für mich ein großes Erfolgserlebnis. Und diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Mathematik eigentlich für jeden und jede machbar ist und dass Jugendliche ihre Angst vor Mathematik verlieren, wenn sie ein Erfolgserlebnis haben.
doi:10.1515/dmvm-2017-0024 fatcat:ytf24xae3vguvbpiyuwh4q457y