Ueber die klinische Bedeutung des Elektrocardiogramms

H. Hering
1909 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Unter der Diagnose einer Krankheit pflegt man gewöhnlich das Erkennen einer Krankheit zu verstehen, obwohl es sieh der Hauptsache nach gewöhnlich nur um ein Wiedererkennen handelt. Auch die bekannten klinischen Untersuchungsmethoden zur Diagnose einer Krankheit dienen vorwiegend als Hilfsmittel, schon bekannte Krankheitserscheinungen wiederzuerkennen. Wie aber der Scharfblick eines Arztes ein vorher unbekanntes Symptom oder Symptomenbild ausfindig machen, d. h. erkennen kann, daß er es mit
more » ... daß er es mit einer bisher unbekannten Krankheit zu tun hat, so kann uns eine klinische Untersuchungsmethode außer den schon bekannten Tatsachen auch neue ausfindig machen lassen. Wenn nun eine neue Methode in die Klinik eingeführt wird, liegt die Frage nahe, ob sie nur imstande ist, schon Bekanntes in anderer Form zu zeigen, oder ob sie auch neue Tatsachen zu bringen vermag. Stellen wir diese Frage mit Bezug auf die neu eingeführte elektrographische Untersuchungsmethode des Herzens, so lautet die Antwort: sie vermag beides, wenn sie auch vorwiegend schon Bekanntes in anderer Form wiedergibt. Der praktische Arzt wird aber weiterhin fragen, ob er diese Untersuchungsmethode leicht verwenden kann. Dies ist nicht der Fall. Gleichgültig ob diese Methode sehr gut oder minder gut wäre, sie kann nur auf Kliniken Anwendung finden, denn der ganze dazu nötige Apparat ist zu teuer, er kostet ungefähr 4000 M, die Hantierung ist sehr kompliziert und erfordert eine Hufskraft. Es wird demgemäß nur sehr selten ein praktischer Arzt sich dieser Methode bedienen können.
doi:10.1055/s-0029-1201195 fatcat:ctazpc7nevap7dfmihbjksw7va