Politisierung durch Zwang?

Per Holderberg, Jan Ballowitz
2020 Zeitschrift für Politikwissenschaft  
Zusammenfassung In Reaktion auf sinkende Beteiligungsraten bei Wahlen besteht in der internationalen politikwissenschaftlichen Forschung ein anhaltender Diskurs zu den Wirkungsweisen der Einführung einer Wahlpflicht. Neben der durch eine Wahlpflicht induzierten Steigerung der Wahlbeteiligung und dem Rückgang der sozial-selektiven Beteiligungszusammenhänge werden förderliche Eigenschaften für die politische Bildung und Involvierung der Bürger angenommen ("spill-over-Effekt"). Es wird eine
more » ... Es wird eine Auswertung der Literatur zur Wahlpflicht vorgenommen, welche in Anlehnung an die Hypothesen von Arend Lijphart, zentrale Forschungsbefunde zu den Wirkungseffekten zweiter Ordnung der Wahlpflicht zusammenfasst. Der Diskurs zur Wahlpflicht erscheint sehr stark von theoretischen Abhandlungen geprägt und weist Forschungslücken in der Untersuchung der Wirkungseffekte einer Wahlpflicht auf. In der Abhandlung wird erstmals auf Basis eines großen Datensatzes (N = 2047) mit einem experimentellen Forschungsdesign einer dreiwelligen Online-Befragung untersucht, welche Auswirkungen die Einführung einer gesetzlichen Wahlpflicht in Deutschland auf das Informationsverhalten, das politische Engagement und das politische Interesse hat. Mit Ausnahme des Bereichs der Mediennutzung, zeigen die Ergebnisse, dass die Annahmen des spill-over-Effekt nicht bestätigt werden können. Die Einführung einer Wahlpflicht würde folglich zu keiner signifikanten Erhöhung des politischen Interesses, des politischen Wissens, der politischen Informiertheit oder des politischen Engagements führen. P. Holderberg ( ) Abstract In response to declining participation rates in elections, there is a continuing discourse in the international political science research on the effects of the introduction of a compulsory voting. In addition to the following effects caused by mandatory voting: increase in voter turnout, the decline in social-selective participation, to assume that beneficial impacts for the political education and involvement of citizens exist ("spill-over-effect"), an evaluation of the literature on compulsory voting is carried out, which, based on the hypotheses of Arend Lijphart, summarizes central research findings on second-order effects of compulsory voting. The discourse on compulsory voting appears to be heavily influenced by theoretical considerations and still research gaps in the empirical studying of the effects of compulsory voting exists. In this paper, for the first time on the basis of a dataset with a high number of respondents (N = 2047), with an experimental research design of a three-wave online survey, we examine the effects of the introduction of mandatory voting in Germany on citizens' information behavior, political engagement and political interest. With the exception of the media usage for political information, the results show that the assumptions of the spill-over-effect cannot be confirmed. The introduction of compulsory voting would therefore not lead to a significant increase in political interest, political knowledge, political information behavior or political engagement.
doi:10.1007/s41358-020-00217-4 fatcat:ulhqy7leevh75ncowt2jcr4g3m