Aus Paris und London. VI1)

1915 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Das Sanitätswesen in Frankreich kommt offenbar nicht iii Ordnung. Ab und zu scheint der Zensur eine kritische Aeußerung zu entgehen, und wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, findet das bestätigt, was von deni Major 1) r i a n t in seinem berulimten Buche: ,.Einem neucti Sedan entgegen" prophezeit worden ist. Ganz besonders scheint der nioderne Schützengraben-Krieg aile Erfahrungen über den Haufen zu werfen, und es ist recht pikant, daß gerade am Sitz der Regierung in Bordeaux eines der
more » ... rdeaux eines der gelesensten Blätter alles Mögliche zu tadela wagt. Die vorhandenen Krankentragcn eignen sich nicht zum Herausholen Verwundeter aus den Schützengrhben, es fehlt an geeignetem Material zum Improvisieren, die Krankenträger stehen hilf-und ratlos herum ; die ersten Erfrischungsstellen für eine vorläufige Labung und Erholung der Verwundeten sind zu weit hinter der Front, schlecht ausgestattet und unzweckmäßig angelegt. Die Evakuation stockt fortwährend, weil nicht genügend Automobile zur Verfügung stehen.2) Einigermaßen besser ist es, wo man Wasserstra Ben benutzen kann. So wird in der Richtung nach Dijon der Bourgogner Kanal so viel wie möglich mit Lazaret.tschiffen befahren. Sie fassen jedoch nur 92 Mann, sind aber sonst mit Apotheke, Küche, Vorräten gut ausgestattet. Außer 2 Aerzten tun je 12 Sanitätssoldaten und Schwestern darin Dienst. -Mehr und mehr bedient man sich der Sanitätshunde, ohne deren Arbeit vielfach bei dem schwierigen Gelände nicht auszukommen ist. Aber auch so hat man die sonst ausschließlich für die K ol oui altruppen bestimmte Krankenpflege-und Krankenträger-Genossenschaft heranziehen müssen. Sie hat selbständig Transportmittel und Spitäler bereitgestellt, um den übrigen Sanitätsdienst zu entlasten. Angesichts dieser Verlegenheiten ist natürlich die aus 44 Personen bestehende Japanische Rote -Kreuz -Expedition mit größter Freude empfangen. Ihre Reise von Marseille nach Paris glich einem Triumphzug. Die französische Presse feiert diese .,Sohne aus dem Reiche der aufgehenden Sonne, der Lotusblumen und Chrysanthemen" in einer die Grenzen des guten Geschmackes iiberschreitenden Weise. Besonders eingehend verweilt ein Siidfranzose bei den "Korallenlippen" der japanischen Krankenschwestern! Daß namhafte Kljnjker aus Tokio dabei sind, erwähnt der anscheinend etwas nianiakalische Berichterstatter nur so nebenbei-. Man hat ihnen als Spital das ja auch in Deutschland wohlbekannte Hotel Astoria überwiesen; sie haben in 370 Kisten alles notwendige Material selbst mitgebracht. Dic Japanerinnen sind als Krankenschwestern sehr geschickt, wenn auch für schweren Dienst etwas zu schwach. Das französische Rote Kreuz seinerseits sucht dauernd seine Mittel zu vergrößern; das Territorialkomitee Lyon erläßt dringende Auf rufe um Geldzuwendungen. Große Sammlungen von warmer Kleidung, Nahrungs-und Genußmitteln etc. etc. werden veranstaltet. Nach der Rechnungslegung des Kriegsministeriunis am 1. II. fließen Geldspenden zum Besten der Verwundeten recht reichlich. -Trotz gut eingerichteter Lazrettzüge wird die Benutzung gewohn- licher Schnell-oder auch Güterzüge empfohlen, weil man diese bequem improvisieren und gegebenenfalls auch anderweitig verwenden kann. Die eigentlichen Lazarettzüge, von denen fast 100 zurzcit vorhanden sind, mit ihrem großen Bettenraum konnen nicht immer voll ausgenutzt werden, und fur andere Zwecke kommen sie kaum in Betracht. Der durch seinen Vortrag auf deni vorjährigen Internationalen Urologenkongreß in Berlin bekannte PariserChirurg Heitz -Boyer machte in der Gesellschaft für Chirurgie eingehendere Mitteilungen über die Einrichtungen der verschiedenen Arten der Lazarett züge. Außer den drei,
doi:10.1055/s-0029-1191129 fatcat:mujmg3nb7vbzvn3j6lbxitlp3q