I. Die Netzhautablösung als Unfallfolge

P. Pfalz
1903 Ophthalmologica  
Vor 4 Jahren berichtete ich *) über eine Entscheidung des Reichsversicherungsamtes, die einem hochgradig kurzsichtigen Arbeiter wegen einer bei der Arbeit aufgetretenen Glaskörper blutung mit nachfolgender Netzhautablösung eine Rente zusprach. Die Blutung war eingetreten, als der Betreffende Drahtringe auf eine Haspel hob, eine Arbeit, die als besonders anstrengend bei dem kräftigen Manne nicht betrachtet werden konnte, die er ferner schon häufig, an dem betreffenden Tage bereits 20 Minuten
more » ... eits 20 Minuten verrichtet hatte. Er hatte die plötzliche Verdunkelung nach einem llustenanfall bemerkt. Ein dem re g e lm ässig en G ange des B etrieb es frem des, z e itlic h b estim m tes E re ig n is, dessen Folgen für das L eben o d er die G e su n d h e it sch ä d lich sind (frühere Definition des Begriffes "Unfall" durch das R.-Y.-A.), war in dem Vorgang nicht enthalten -wenn man nicht den Husten als solches ansprechen will, der in Verbindung mit der durch das lieben vermehrten Blutdrucksteigerung die Gefässruptur veranlasste -, sondern die Erkrankung war die Folge einer für die Art der Beschäftigung ungeeigneten Körperbeschaffenheit, des krankhaft kurzsichtigen Baues der Augen in erster Linie. In einer Fussnote wies ich damals noch darauf hin, wie sehr dieser Fall für eine organische Verbindung der verschiedenen sozialen Gesetze, speziell des Unfallversicherungsgesetzes und des Alters-und Invaliditätsgesetzes spräche. Denn es giebt eine ganze Menge von chronischen Erkrankungen und Veränderungen einzelner Organe -ich nenne nur Arteriosklerose, Herzkrank heiten, Nieren-und Lungenleiden, Erkrankungen des Rücken marks -, bei denen nach längerem, fast symptomlosem Bestehen 262 Pfalz, Die Netzhautablösung als Unfallfolge. plötzlich Verschlimmerungen eintreten, ohne dass eine bestimmte Ursache sich immer mit Sicherheit anführen lässt. Dass Ver änderungen der Gefässwandungeu bei jeder mit Steigerung des Blutdrucks verbundenen Körperthätigkeit -und welche wäre bei einiger Dauer nicht damit verbunden? -zur Berstung eines Gelasses führen können, ist bekannt. Der Laie aber wird jede auf diese Weise plötzlich eintretende Veränderung seines Wohl befindens auch auf eine plötzliche Ursache zurückleiten und, wenn jene plötzliche Aendorung während der Arbeit eintrat, als "Un fall" auffassen. Er wird es nicht begreifen, wenn der Arzt dies nicht anerkennt und, da das Invaliditätsgesetz weder die Ent schädigung nach Bruchteilen der Erwerbsfähigkeit, noch eine Zugrundelegung des bisherigen Arbeitsverdienstes kennt, wird selbst der Arbeiter, der eine Invalidenrente erhält, sehr unzufrieden sein, dass es keine Unfallrente ist, da diese voraussichtlich das Doppelte und mehr betragen hätte. Und verübeln kann man ihm das nicht, denn im Wesen der Sache, in dem Charakter des die Rente bedingenden Gebrechens, ist die Differenzierung zwischen Unfall-und Invalidenrente sehr oft gar nicht begründet, rein zu fällige Nebenumstände, oft rein hypotetische, auf Wahrscheinlichkeitsannahmc sich gründende Auffassungen des Gutachters oder der entscheidenden Instanz stellen den Unterschied in zuweilen recht künstlicher Form erst her. So hat das R.-V.-A. eine plötz liche Erblindung eines Ofensetzers, der infolge von Tabes dorsalis an vorgeschrittener Sehnervenatrophie litt, als Unfall anerkannt, obwohl auf die äugen ärztliche Erfahrung hingewiesen war, dass dieser Ausgang in jedem solchen Falle zu erwarten ist, zumal hier ausserdem noch Arteriosklerose und Incontinenz der Aorten klappen hinzukam r). Aber es war durch Zeugen nachgewiesen, dass der Betreffende, stark in Schweiss geraten, in einem zugigen kalten Zimmer gearbeitet hatte. Plötzlich, nachdem er bereits mehrere Kacheln, auf einer Leiter stehend, eingesetzt hatte, fragte er, ob es schon Abend sei. Er konnte nichts mehr sehen, musste von der Leiter herabgeführt werden. Das R.-V.-A. nahm an, dass der Luftzug in Verbindung mit der Anstrengung der Augen die Erblindung beschleunigt habe, die sonst, nach Ansicht des Gutachters, vielleicht erst nach einem Jahre von selbst ein getreten wäre, und da das Gesetz keine Beschränkung für solche Fälle kennt, wurde die Vollrente eine lebenslängliche. Welcher Unterschied besteht nun zwischen diesem Arbeiter und einem * ) *) Mitgetoilt in dieser Zeitschrift. Bd. I. p. 418.
doi:10.1159/000290074 fatcat:gaq5yvqmo5aqbdehqi6bibciam