Physische Attraktivität und individuelles Leistungsverhalten

Ulrich Rosar, Jörg Hagenah, Markus Klein
2010 Soziale Welt  
Zusammenfassung: Dass attraktive Menschen im Berufsleben mehr Erfolg haben als unattraktive Menschen, ist in der sozialpsychologischen Literatur breit dokumentiert. Hingegen ist weitgehend unerforscht geblieben, ob attraktive Menschen zur Erzielung dieses Erfolgs auch eine höhere Leistung erbringen. Da attraktive Menschen von ihrer sozialen Umwelt besser behandelt werden, können sie ihren höheren Erfolg möglicherweise auch mit geringeren Anstrengungen erzielt haben. Es stellt sich also die
more » ... , wie sich die Attraktivität eines Menschen auf seine Leistung auswirkt. Da das Leistungsverhalten von Profifußballern relativ einfach feststellbar und außerdem vergleichsweise gut dokumentiert ist, wird dieser Frage am Beispiel der 483 Fußballprofis nachgegangen, die in der Saison 2007/2008 bei den 18 Mannschaften der 1. Bundesliga zum Einsatz kamen. Die Attraktivität der Spieler wird dabei gemäß der Truth of Consensus Method durch Mittelwertbildung über dieim Rahmen einer Online-Umfrage -auf der Grundlage von Portraitphotographien erhobenen Attraktivitätsurteile erfasst. Das Leistungsvermögen der Spieler wird über die detaillierte Beobachtung ihres Spielverhaltens gemessen. In der statistischen Auswertung zeigt sich, dass die Attraktivität der Spieler ihre Leistungsfähigkeit tendenziell negativ beeinflusst. Der Effekt hängt allerdings von der Attraktivität der Spieler in der jeweiligen Mannschaft ab: Ist die Attraktivität aller Spieler hoch und homogen, dann kehrt sich die Richtung des Effekts der Attraktivität auf das Leistungsverhalten um. "Ball is rund, Spiel dauert 90 Minuten. Soviel is schoma klar. -Alles andere is Theorie." Der Wachmann Schuster (Armin Rohde) in der Eröffnungsszene des Films Lola rennt von Tom Tykwer Einleitung: Physische Attraktivität wirkt -aber wie wirkt sie auf individuelles Leistungsverhalten? Aus dem oben angeführten Filmzitat spricht eine tiefe Einsicht in die Unvorhersagbarkeit menschlicher Entscheidungen und Folgen sozialen Handelns in komplexen Interaktionsprozessen. Wer den Film Lola rennt kennt, weiß, dass das Thema Nummer 1 deutscher Männer hier als Metapher dient. Der Verweis auf die Situation des Fußballspiels soll verdeutlichen, dass bereits kleine Abweichungen im Handeln sozialer Akteure und geringfügige Variationen der Kontextbedingungen, unter denen die Handlungen vollzogen werden, zu völlig disparaten Ergebnissen führen können. Das Fußballspiel bildet dies en miniature ab. Aus der Makroperspektive betrachtet hängt der Verlauf eines Spiels von den Leistungen der Spieler, dem Zusammenspiel der Mannschaften, den taktischen Vorgaben der Trainer und der Unterstützung der Fans ab. Genauso spielen aber auch die Aktionen und Reaktionen der Gegner, die Entscheidungen der Schiedsrichter oder verletzungsbedingte Ausfälle eine Rolle. Und selbst die Platzverhältnisse und die Frage, wer zuerst in Führung geht, können den Spielausgang entscheidend beeinflussen. Aus der Mikroperspektive des einzelnen Spielers betrachtet, entscheiden nicht nur die eigene Leistungsfähigkeit und die eigene Leistungsmotivation über den spielerischen Erfolg. Hier sind ebenso die Erwartungen und Entscheidungen der anderen Akteure und die Rahmenbedingungen, unter denen ein Spieler agieren muss, von Bedeutung. Insofern ist die Situation des Fußballspiels nicht nur ein geeignetes Sinnbild für komplexe Handlungssituationen. Sie ist auch ein geeignetes Untersuchungsfeld, um soziologisch relevante Frage-1.
doi:10.5771/0038-6073-2010-1-51 fatcat:427a55wyvjh5bgwlcqidr5lboa