Zur Behandlung der Grippe

F. Kraus
1920 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Wochenschrift, dem Praktiker meine und meiner Mitarbeiter Erfahrungen der letzten Jahre vorzulegen. Viel schärfer als bisher sollte in rein klinischem Betracht unterschieden werden zwischen den immer sporadisch oder gehäuft vorkommenden infektiösen Erkrankungen mit influenzaähnlichem Symptomenbilde und der wohl noch eine Zeitlang wiederkehrenden pandemischen Influenza. Bei den ersteren handelt es sich gewöhnlich um Prozesse, bei denen Rhinitis, Tonsillitis, Tracheobronchitis und
more » ... und Bronchopneumonie auf Grund der Infektion mit Micrococcus catarrhalis, Pneumokokken, Streptokokken und den unbekannten Schnuptenerregern im Vordergrunde steht. Als Komplikation stellt sich auch hier häufig Miterkrankung der Kopfhöhlcn ein. Auf die ätiologische Diagnostik der eigentlichen Influenza soll hier nicht eingegangen werden. Der Praktiker kann nicht warten auf ihre Ergebnisse, eine besondere Heilweise ist an sie nicht geknüpft, augenscheinlich kornplizierende Infektionen spielen wesentlich mit. Die eingehende Berücksichtigung aller klinischen Zeichen schon im Beginn der Krankheit kann und muß den Ausschlag geben für die Erkennung der pandemischen Influenza. Die "Pseudo'influenza in ihren verschiedenen Formen fällt auf durch ihre Neigung zu Rezidiven. Die Influenza scheint wenigstens für gewisse Zeit eine Resistenz gegen die Krankheit zu hinterlassen. Auf die Unterscheidung des Initialund des Fieberstadiums der Influenza ist nicht allzuviel Verlaß. Unter den Frühsymptomen von differentialdiagnostischem Wert, neben der allgemeinen Abgeschlagenheit, dem Gliederweh, den Kopf-und Augenhhlenschmerzen, sind besonders zu nennen die Injektion der Konjunktiven, das eigenartige, von A I e x a n d e r beschriebene, scharf begrenzte Erythem der Rachenschleimhaut bei Eintritt des Fiebers, die von Citron in diesem gefundenen zahlreichen wasserhellen Bläschen, der, oft erst später sich einstellende, Schnupfen, der Epithelzellengehalt des eiterähnlich aussehenden Sputums der allerersten Tage, die anfängliche Hypoleukozytose (die "Pseudo"influenza geht fast immer mit Hyperleukozytose einher) mit relativer Hyperlvmphozytose. Angina lacunaris gehört nicht zur Influenza. Auch in Berlin weist jetzt die Influenza öfter von Anfang an vorwiegend nervöse Syndrome auf (Enzephalitis mit Benommenheit oder Unruhe, Lähmungen der Augenmuskeln, Polyneuritis, Meningitis). Die Schwere der Erkrankung ist aber doch in der Regel bedingt durch die frühzeitig, am 3., 4. Krankheitstage, manchmal aber doch auch später, unter Seitenschmerzen sich hinzugesellende Bronchopnethnonie, bei welcher dann Hyperleuko. zytose einzutreten pflegt, mit oder ohne Pleuritis und Ernpyem. Charakteristisch ist auch, daß die auf 39-40,5° C. erhöhte Temperatur, wenn sie nicht nach zwei bis drei Tagen lytisch abfällt, zunächst unregelmäßig werdend in ihrer Kurve bestimmt ist durch die Art der Komplikationen'. In bezug auf diese ist zu sagen, daß sie oft gerade da hervortreten, wo der Patient überhaupt sein Punctum minons resistentiae hat. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der (gewöhnlich kurzdauernden) gastrointestinalen Symptome. In einigen Fällen sahen wir lebensbedrohliches Glottisoedem! Wir sehen die Fälle gewöhnlich nicht im eigentlichen Initial-, sondern ganz gewöhnlich im Fieberstadium dann, wenn gegebenenfalls erst Seitenstechen, aber noch keine perkussorischen Symptome von Bronchopneumonie da sind. Da geben wir regelmäßig Eukupin und Grippeserum. Es sollte dafür gesorgt werden, daß genug Eukupin für diese Zwecke da ist. Was die Gefahr für die Augen betrifft, wenn dieses Mittel sehr vielen Patienten verabfolgt wird, so Ist natürlich größte Vorsicht geboten. l,2g pro die, 3g im ganzen. Wollte man im Hinblick auf die angedeutete Möglichkeit das Eukupin perhorresaleren, dürfte man wohl auch auf Chinin bei anderen Krankheiten verzichten müssen. DasSerum ist besonders gegen dieStreptokokkenkomponente deslnfekts gerichtet. Besonders bei nachweislicher lnfluenzapneumonie ist ferner noch angezeigt Elektrokollargol oder Argoflavin (intravenös). Wir können durchaus keine statistischen Beweise für die absolute Wirksamkeit dieser nach Maßgabe des individuellen Falles zu kombinierenden Therapie erbringen, wir haben bloß den Eindruck, daß sie nützlich ist. Aber bei der beträchtlichen Mortalität der Fälle mit Pneumonie sollte man doch nicht exspektativ sich verhalten oder bloß symptomatisth vorgehen. In letzterer Hinsicht wird in der Praxis viel zu viel und oft zu früh Digitalis gereicht. Immer wieder höre ich bei Konsultationen: Antonstraße 15 I)igalen habe ¡cli schon gegeben. Natürlich ist von Anfang an dem Kreislauf die aufmerksamste Beachtung zu schenken. Die Erfassung des richtigen Zeitpunktes für die Digitalistherapie muß aber in dii duell geschehen. Es kann kaum genug betont wèrden, daß die Kreis laufsschwäche nicht bloß durch Versagen der Vasomotoren zustande kommt. Wesentlich spielt das mit, was man "Vagotonie nennt. Man vergesse daher nicht,wo es nötig ist,Atropin(subkutan)zu geben,besonders vor, bzw. mit Digitalis bei solchen Individuen. Man erwäge ferner immer, ob nicht K oft ei n subkutan vorzuziehen istl Schematisch in den ersten zwei Tagen Digitalis, später Koffein zu geben, ist unstatthaft. Für intravenöse Digitalisbehandlung eignet sich das Digipuratum solubile. Von Expektorantien kommt Kampfer in großen Dosen subkutan in Betrácht. Aderlässe fanden wir (gegen die Zyanose und Dyspzioe) nutzlos. Die Pleuritis ist in bezug auf Eintreten und Beschaffenheit sorg. fältigst zu verfQlgen. Das Exsudat ist häufig anfänglich eitrig serös. Spontane Rückbildung auch solcher Ergüsse ist nicht absolut ausgeschlossen. Selbstverständlich muß gegebenenfalls die operative Behandlung rechtzeitig eintreten. Bei Pneumokokkenempyem kann Eukupin noch im Stadium der Sepsis (Durchfall, Nephritis) nützen. Endlich erfordert das oft hartnäckige postiebrile Stadium gerade auch nach leichterem oder mittelschwerem Verlauf, besonders wenn Schnupfen und Bronchitis fortdauern, unsere volle Sorgfalt. Broncho. pneumonische Prozesse können selbst mehrere Tage nach der Enttieberung sich noch einstellen. Ich habe bisher geglaubt, daß die Nieren bei Influenza wenig geschädigt sind. Es scheinen aber doch Ausnahmen vorzukommen. Nummer 9 Donnerstag, den 26. Februar 1920 46. Jahrgang Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1192485 fatcat:56uo2hrmvbabzbgdlokjctivjy