Annelen Ottermann: Die Mainzer Karmelitenbibliothek: Spurensuche – Spurensicherung – Spurendeutung. 2. überarbeitete Auflage. Berlin : Logos, 1020 S., ISBN 978-3-8325-4614-4

Elmar Mittler, Humboldt-Universität Zu Berlin, Humboldt-Universität Zu Berlin
2020
Dissertation wurde durch Verdichtung des Layout auf einen Band konzentriert. Das erleichtert den Zugriff auf die den Text illustrierenden 418 hochwertigen Abbildungen und die umfangreichen Literaturangaben. Ein Wermutstropfen allerdings ist, dass die elektronische Ausgabe anders als die 1. Auflage 1 nicht mehr open access zur Verfügung steht, mit der die aktive Arbeit mit dem dichten Text erheblich erleichtert wird, obwohl z.B. eine Verlinkung der Abbildungen nicht angeboten wird. Der für eine
more » ... wird. Der für eine über 1000seitige Publikation höchst bescheiden anmutende Untertitel Spurensuche -Spurensicherung -Spurendeutung macht zunächst deutlich, dass hier keine vollständige Darstellung der Bibliothek des im Jahre 1802 säkularisierten Mainzer Karmelitenklosters gegeben werden kann. Nur ausgewählte Bestände gelangten in zwei Schüben vor allem an die (auch nach der Auflösung der Preprints der Zeitschrift BIBLIOTHEK -Forschung und Praxis, 2020, AR 3353 Mittler Dies ist ein Preprint . Die endgültige Publikationsfassung erscheint beim Verlag De Gruyter unter https://www.degruyter.com/view/j/bfup Preprints der Zeitschrift BIBLIOTHEK -Forschung und Praxis, 2020, AR 3353 Mittler Dies ist ein Preprint . Die endgültige Publikationsfassung erscheint beim Verlag De Gruyter unter https://www.degruyter.com/view/j/bfup 3 umfassende Darstellung gefunden hat. 3 Ottermann gibt eine umfangreiche Auflistung der dabei zu berücksichtigenden Aspekte, die zum größte Teil auch in ihrer Publikation eine Rolle spielen. 4 Die Entwicklung der anthropologischen Buch-und Bibliotheksforschung wurde in Deutschland durch die Dissertation von Shevchenko eingeleitet und hat inzwischen breitere Kreise gezogen. 5 Ihr Ziel ist es, das dynamische Wechselverhältnis von Menschen zu Buch und Bibliothek im Rahmen von Selbstfindung und kultureller Entwicklung zu erforschen. Natürlich erfahren wir bei Ottermann wie in einer traditionellen bibliothekshistorischen Arbeit im umfangreichen Kapitel, das Bibliotheksverwaltung überschrieben ist, minutiös auf der Grundlage ausgesuchter Beispiele, wie die Bücher erworben, wie sie im Verlaufe der Jahrhunderten in immer wieder veränderten Gruppen aufgestellt wurden oder wie die Räumlichkeiten aussahen, in denen sie bis ins 17. Jahrhundert teilweise als Kettenbibliothek aufgestellt waren. Aber über deren Aussehen und ihre Entwicklung kann sie für die Zeit vor dem Bezug eines neuen Bibliotheksraums 1713 nur über Analogieschlüsse, insbesondere im Vergleich mit der gut dokumentierten Bibliothek der Kölner Karmeliten, Vermutungen anstellen; allerdings finden sich ausnahmsweise mehr oder weniger beiläufig in den wenigen erhaltenen Visitationsberichten oder der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Karmelitenchronik des Jakob Milendonck detaillierte Informationen über das Bildprogramm der Scheiben in den 5 Fensterbogen, in denen jeweils drei Gelehrte des Ordens der Karmeliten dargestellt worden sind, von denen 4 mit dem Mainzer Karmel in Verbindung standen; Ottermann hat durch aufmerksame Lektüre der Quellen sogar Veränderungen der Bildinhalte Preprints der Zeitschrift BIBLIOTHEK -Forschung und Praxis, 2020, AR 3353 Mittler Dies ist ein Preprint . Die endgültige Publikationsfassung erscheint beim Verlag De Gruyter unter https://www.degruyter.com/view/j/bfup 4 nachverfolgen können. Jedenfalls ist erkennbar, dass die Bibliothek eine hochrangige Rolle für die Identitätsbildung der Mainzer Karmeliten spielte. Der um 1150 am Berg Karmel, dem Berg des Propheten Elias, im Anschluss an eremitische Mönchstraditionen gegründete Orden der Karmeliten (norddeutsch Karmeliter genannt) wurde nach dem Verlust Palästinas 1238 nach Europa verlegt und als Bettelorden weiter geführt. Die Mönche übten auch seelsorgerische Tätigkeiten mit dem Schwerpunkt Predigen aus. Dafür waren intensive Studien Voraussetzung. Der zwischen 1271 und 1284/5 gegründete Mainzer Karmel gehörte die meiste Zeit zur niederdeutscher Kongregation. Seine Mönche nahmen am straff organisierten Studiensystem mit lokalen (propädeutischen), provinzialen (partikularen) und universitären (generalen) Studien teil. Bei der Erwerbung der Literatur werden anhand von konkreten Beispielen Besonderheiten dokumentiert, die sich aus den Regeln und der Organisation des Ordens ergeben, die vorher in einem eigenen Kapitel dargestellt worden sind. So wurde im Rahmen der Ausbildung an die Mönche, die dem Armutsgebot unterlagen, von der Provinz Literatur ausgegeben, die diese an die Bibliothek des Klosters, in dem sie lebten, abzugeben hatten, usum resignare wie das üblicherweise bezeichnet wurde; bei Ortswechsel nahmen sie die Bücher aber jeweils wieder mit. Teilweise wurden auch Büchergelder zur Verfügung gestellt; es ist schön zu beobachten, dass einzelne sich wertvolle Werke anschafften, die sie auch mit gewissem Stolz wie ihr eigenes Eigentum kennzeichneten. Ein nicht unwesentlicher Teil der Bestände waren Bücher der Mönche, die in der Regel aus der Zeit vor ihren Ordensgelübden stammten; hier wird oft der Memorialcharakter dieser Gaben erkennbar, wenn darin mit der Formel "orate pro fratre" um die dauerhafte Aufnahme in die Gebete des Konvents gebeten wird -eine Motivation, die auch bei Buchgeschenken Außenstehender an die Bibliothek (extra muros wie Ottermann gern charakterisiert) im Vordergrund gestanden hat: in das Gebet der Mönche aufgenommen zu werden, war die Gegengabe, die man sich wünschte. Überraschend ist die Erkenntnis, dass derartige Geschenke, die ja nicht unbedingt im Hauptfeld der Interessen der Mönche liegen mussten, grundsätzlich in die Bibliothek aufgenommen wurden. Sie wurden wie die übrigen Werke inventarisiert, in die Gruppenaufstellung aufgenommen und Signaturen versehen, d. h. dem geordneten Prozess unterworfen, der die große Bedeutung unterstreicht, die der Bibliothek insgesamt im Kloster zukam. Zwar gab es immer wieder Zeiten, in denen der Eifer der Mönche nachließ, oder die finanziellen Verhältnisse etwa in der Reformationszeit oder dem Dreißigjährigen Krieg mit der Besetzung und Plünderung von Mainz durch schwedischen Truppen die Pflege der Bibliothek in den Hintergrund drängte -aber sie wurden immer wieder durch Blütezeiten abgelöst. Preprints der Zeitschrift BIBLIOTHEK -Forschung und Praxis, 2020, AR 3353 Mittler Dies ist ein Preprint . Die endgültige Publikationsfassung erscheint beim Verlag De Gruyter unter https://www.degruyter.com/view/j/bfup 5 Die Darstellung der Bestandsgeschichte und das umfangreiche Kapitel der Bestandsanalyse werden im Wechsel von methodischen Einleitungen, allgemeinen Darstellungen, Nahaufnahmen und als Zoom bezeichneten detaillierten Einzeldarstellungen von Erwerbungen, Beständen oder Personen wechselvoll gegliedert. Es kann und soll auf die faszinierende, für manchen vielleicht übergroße Fülle der Einzelinformationen in diesem Rahmen nicht eingegangen werden. Entscheidend ist, dass und wie hier die sorgfältigen Beobachtungen an den einzelnen Büchern und Büchergruppen in vorbildlicher Weise zu Erkenntnissen im Gebrauchsraum Buch verdichtet werden. Wir erkennen ihre Rolle als Objekte einzelner Personen oder auch des Konventes über den Bibliothekar, die es in seiner äußeren Gestalt ebenso beeinflussen wie Gebrauchsspuren hinterlassen, die auf ihre Wertschätzung und Nutzung schließen lassen, die im Laufe der Zeiten ganz unterschiedlich sein können. Im Kapitel Bestandsanalyse, wird der Versuch gemacht in 10 Gruppen den Wissensraum Bibliothek auszuloten. Das ist natürlich nicht adäquat zu leisten, was auch der in Autorin bewusst ist, die dankenswertwerterweise trotzdem das Wagnis unternommen hat. Die Fachleute der einzelnen Gebiete werden nicht nur kleinere Fehler nachweisen können, sondern auch die Struktur der Darstellung bezweifeln. Ein für manchen überraschende Gesamtergebnis aber ist, dass die Bibliothek Zeugnis dafür ist, wie aufgeschlossen die Mönche im Wechselverhältnis intra und extra muros für neue Entwicklungen und Themen waren. Vor allem aber ist entscheidend, dass in überzeugender Weise demonstriert werden, welche Fülle von Erkenntnismöglichkeiten in der interdisziplinären Kombination von buch-und bibliothekswissenschaftlichen Methoden und Objekten mit fachwissenschaftlichen Fragestellungen steckt, dass die Bibliotheken fast uferlose Quellenfonds darstellen, deren Wert noch kaum entdeckt ist. 6 Preprints der Zeitschrift BIBLIOTHEK -Forschung und Praxis, 2020, AR 3353 Mittler Dies ist ein Preprint . Die endgültige Publikationsfassung erscheint beim Verlag De Gruyter unter https://www.degruyter.com/view/j/bfup 6 internationalen Öffentlichkeit zu öffnen, wäre dabei eine Zusammenarbeit mit CERL, dem Consortium of European Research Libraries, anzustreben. 7 Die Arbeit von Ottermann ist am Beispiel der Rekonstruktion der Mainzer Karmeliterbibliothek und ihrer Analyse ein Markstein für die Erschließung historischer Bibliotheken. Sie kann sich neben digitalen Rekonstrukionen wie die Virtuelle Bibliothek St. Peter im Schwarzwald, 8 die sich auf einen zeitgenössischen Katalog stützt, sehen lassen. Auch im Falle der Karmelitenbibliothek wüsnchte man sich eine Digitalisierung der erhaltenen Bestände. Vor allem aber wäre es wichtig, dass durch ihr Vorbild die provenienzbezogene Katalogisierung der historischen Buchbestände neuen Auftrieb erfährt.
doi:10.18452/21552 fatcat:touozj4725cfrdaltrmcuzmtje