Ein Fall von Plantarluxation des Nagelgliedes der rechten grossen Zehe

A. Scholl
1900 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die grosse Seltenheit nachstehenden von mir beobachteten Falles von Fussverletzurig rechtfertigt vielleicht die folgende Veröffentlichung. Am 14. November 1899 consultirte mich in meiner Sprechstunde der 33 Jahre alte Kistenfabrikant , Herr S. Er gab an, er hätte ungefihr eine Viertelstunde zuvor eine Wagenladung langer Holzbohlen besichtigen wollen und zu dem Zwecke den Wagen bestiegen. Während er sich nun ein wenig bückte, um ein Brett genauer zu betrachten, wäre er gestrauchelt und mit dem
more » ... chelt und mit dem Kopfe vorauf racklings zur Erde gestürzt, so dass die rechte Hälfte des Hinterkopfes auf den Boden aufschlug; dabei wäre seine rechte, im Stiefel steckende, Fussspitze zwischen zwei Holzbohlen, bezw. zwei Stapeln von Holzbohlen eingeklemmt geblieben. Speziellere Angaben wusste der Kranke nicht zu machen, da der Vorfall sich mit grosser Schnelligkeit abgespielt hatte, und durch den Fall auf den Kopf eine, allerdings nur kurze Zeit dauernde Benommenheit eingetreten war; jedoch stellte er entschieden in Abrede, einen Schlag von einem niederfallenden Brette oder dergleichen auf die Fussspitze erhalten zu haben. Nachdem er sich aufgerichtet, bemerkte er, dass er mit dem rechten Fusse nur unter grossen Schmerzen auftreten konnte. Die Untersuchung ergab -abgesehen von einer unbedeutenden Quetschung der zweiten Zehe -an der hauptsächlich verletzten grossen Zehe folgendes Bild. Die Zehe war im ganzen leicht geschwollen und gegenüber dem gesunden linken }iallux in geringem Maasse verkürzt. An der Dorsalseite des Interphalangealgelenks befand sich eine tiefe Grube, dementsprechend an der Plantarfläche eine erhebliche Vorwölbung. Das ganze Glied besass demnach Bajonettform, doch verliefen die Längsachsen der gegen einander verschobenen Phalangen (deren Gelenkflächen deutlich abzutasten waren) nicht parallel, sondern bildeten einen nach oben offenen stumpfen Winkel, die Spitze des Nagelgliedes war also etwas nach aufwärts gerichtet. Eine Verschiebung in seitlicher Richtung und dadurch etwa bedingte Verbreiterung in der Gegend des Zwischenzehengelenks bestand dagegen nicht. Crepitiren und Bruchschmerz waren nirgends festzustellen; die ganze Zehe schmerzte natürlich bei Berührungen, wie nach der Art der Verletzung wohl verständlich ist. Uebrigens war die Haut vollkommen intact. Nach alle dem konnte es keinem Zweifel unterliegen, dass es sich um eine uncornplicirte Plantarluxation des Nagelgliedes des rechten Hallux handelte, -eine Diagnose, die überdies durch den Erfolg der Therapie und den weiteren Heilungsverlauf gesichert wurde. Leider musste ich auf die Bestätigung durch eine bei der Seltenheit der Verletzung wohl erwünschte Röntgenaufnahme aus praktischen Gründen verzichten. Nach der oben skizzirten, durchaus glaubwürdigen Darstellung des intelligenten Kranken war die Verrenkung durch indirekte Gewalteinwirkung zu Stande gekommen, nämlich durch den plötzlich wirken-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1203773 fatcat:tiepqprhtjcznj5erh7lspvb7a