Erfassung des Sturzrisikos und Sturzprävention in der Hausarztpraxis

Thomas Münzer, Markus Gnädinger
2014 Swiss Medical Forum = Schweizerisches Medizin-Forum  
Hintergrund In der Schweiz leben rund 980 000 Menschen über 70 Jahre. Das Sturzrisiko nimmt im Alter zu. Stürze kön nen für alte Personen verheerende gesundheitliche Folgen wie eine Fraktur oder dauernde Immobilität haben und ziehen, neben dem Verlust der Autonomie, erhebliche Kosten nach sich. Auch Todesfälle sind möglich. Die Kos ten für Verletzungen im häuslichen Bereich, die eine Hospitalisation von sieben oder mehr Tagen verursa chen, belaufen sich auf rund 1,5 Milliarden Franken pro Jahr.
more » ... n Franken pro Jahr. Ein Grossteil dieser Kosten ist sturzbedingt [1]. Während sich bei alten Patienten in vielen Praxen Scree ninguntersuchungen für geriatrische Themen wie zum Beispiel Demenz etabliert haben, wird das Sturzrisiko relativ selten konsequent erfasst, obwohl viele Studien gezeigt haben, dass Stürze und sturzbedingte Verletzun gen mit multifaktoriellen Interventionen verhindert wer den können [2]. Die amerikanische und britische Geria trieGesellschaften (American Geriatrics Society/British Geriatrics Society) haben gemeinsam überarbeitete Gui delines zur Erfassung des Sturzrisikos und zu den dar aus folgenden Massnahmen herausgegeben [3]. Für den Praxisalltag ist der publizierte Algorithmus jedoch relativ aufwendig. Dennoch sollten wir das Ziel verfolgen, mög lichst flächendeckend H ausärztinnen und H ausärzte zu sensibilisieren und Risikopersonen frühzeitig einem Programm zur Verhütung von Stürzen zuzuführen oder zumindest Risikofaktoren zu modifizieren. Ein in einer Region gut verankertes Präventionsprogramm erhöht die Mobilität älterer Menschen, verbessert deren Lebens qualität und senkt Kosten [4, 5]. Im Folgenden wird ein pragmatischer Zugang zum Problem vorgestellt. Obwohl hier auf den ersten Blick kein offensichtliches Sturzrisiko erkennbar scheint, ist die Patientin allein schon wegen ihrer antihypertensiven Behandlung sturz gefährdet. In einer kürzlich publizierten Untersuchung bei rund 4900 Patienten über 70 Jahre mit Hypertonie konnte gezeigt werden, dass das Sturzrisiko mit der In tensität der antihypertensiven Therapie zunimmt und, verglichen mit einer Gruppe ohne Antihypertensiva, bis zu 40% höher sein kann. Wenn ein Sturz anamnestisch bekannt war, erhöhte sich das Risiko auf über das Dop pelte [6]. Im oben beschriebenen Fall muss man abwä gen, welches Risiko (Sturz versus Folgen der Hypertonie) für die betroffene Person das bedrohlichere ist. Auch die Einnahme von Antidepressiva scheint per se mit einem deutlich erhöhten Sturz und Frakturrisiko [7] sowie ei ner erniedrigten Knochendichte assoziiert zu sein [8]. Weitere wichtige Risikofaktoren im Alter sind neurologi sche Störungen (M. Parkinson, zerebrovaskuläre Insulte, Fallvignette Eine 84-jährige, selbständig lebende verwitwete Frau mit Typ-2-Diabetes und einer seit 20 Jahren behandelten Hypertonie kommt in die Sprechstunde zur Blutdruck-und Blutzuckerkontrolle. Sie leidet seit drei Jahren an einer Stressinkontinenz und kauft Einlagen beim Grossverteiler. Der behandelnde Augenarzt hat eine beginnende Makuladegeneration beidseits festgestellt. Es besteht eine Gonarthrose beidseits. Seit dem To d des Ehemannes vor sieben Jahren leidet sie an psychischen Störungen, die seitdem mit einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer behandelt werden. Der Diabetes ist mit Sulfonylharnstoff gut eingestellt. Die Hypertonie wird mit einem Kombinationspräparat Sartan/Diuretikum und einem Kalziumantagonisten behandelt. Die Patientin ist vor gut einem halben Jahr auf dem Weg zum Einkaufen gestrauchelt und hat sich eine Hautläsion am Ellenbogen zugezogen. Quintessenz Stürze im Alter sind ein häufiges Problem, das mit erhöhter Morbidität und Mortalität einhergeht und zu sozialer Isolation führen kann. Ein systematisches Sturzassessment in der Hausarztpraxis sollte repe titive ScreeningFragebogen und funktionelle Untersuchungen umfassen. Modifizierbare Risikofaktoren sollten -wenn immer möglich -konse quent eliminiert werden. Der Meidung von zentral wirksamen Pharmaka kommt eine entscheidende Rolle zu. Sturzprävention ist auch bei polymorbiden und gebrechlichen Personen möglich. Die Programme müssen zwingend Kraft und Gleichgewichts komponenten beinhalten, eine Mangelernährung muss behoben werden. Dieser Artikel ist Te il einer Serie von sechs Fachartikeln zu Themen der Gesundheitsförderung im Alter. Der Artikel wurde von den AutorInnen im Rahmen einer Partnerschaft des Projekts Via -Best Practice Gesundheitsförderung im Alter (http://gesundheitsfoerderung.ch/via) und der Schweizerischen Fachgesellschaft für Geriatrie verfasst. Die FMH und das Kollegium für Hausarztmedizin unterstützen diese Initiative. Die AutorInnen sind von der Tr ägerschaft unabhängig und erhalten keinerlei finanzielle Entschädigung für ihre Arbeiten. Die Artikel wurden im Rahmen des üblichen SMF-Entscheidungsprozesses redaktionell und extern einem Reviewing unterzogen.
doi:10.4414/smf.2014.02109 fatcat:omsccvtlrfb57ipb6u3argryne