Über den Begriff des Naturgesetzes

Bruno Bauch
1914 Kant-Studien  
L Es war ein Schritt von entscheidender und fruchtbarer Bedeutung, als Harne die einfache und schlichte Überlegung anstellte, dass es keinen Widerspruch enthalte, wenn etwas aus den Wolken falle und auch sonst in allein dem Schnee gleiche, aber einmal auch wie Salz schmecken und anstatt zu kühlen brennen würde. In der Tat hindert das formale Widerspruchsgesetz nicht im Mindesten, dass der Schnee einmal eben wie kaltes Wasser, dann wie Salz schmecken, einmal bei der Berührung unsere
more » ... unsere Fingerspitzen benefäen, ein anderes Mal bei der Berührung gegen uns Flammen speien würde. Darin liegt aber auch schon, dass wir, bloss auf das formale Widerspruchsgesetz und die Sinnesdata verwiesen, in einem solchen Proteus von Schnee niemals den Schnee im inhaltlichen Sinne der Physik und Chemie zu fassen im Stande wären und niemals auch nur die Vorstellung "Schnee" als bestimmte Mannigfaltigkeitseinheit im Bewusstsein zu bilden vermöchten. So enthält denn die Hume'sche Überlegung die historischen und systematischen Präliminarien für jenen allgemein bekannten Gedanken, den Kant folgendermassen ausgedrückt tyat: "Würde der Zinnober bald rot, bald schwarz, bald leicht, bald schwer sein, am längsten Tage bald das Land mit Früchten, bald mit Eis und Schnee bedeckt sein, so könnte meine empirische Einbildungskraft !) Erweiterter Abdruck des auf der General-Versammlung der Kant-Gesellschaft am 19. April 1914 gehaltenen Vortrags. Die Abschnitte IV und V, die zwar für die logische Fundierung von besonderer Wichtigkeit sind, ohne die aber die übrigen Abschnitte psychologisch verständlich sind, sind im mündlichen Vortrag weggeblieben, teils um diesen zeitlich nicht über Gebühr auszudehnen, teUs weil die hier behandelten Probleme bei dem raschen Wechsel des gesprochenen Wortes wohl nur schwer die wünschenswerte Resonanz hätten finden können. Kantstudlen XIX.
doi:10.1515/kant.1914.19.1-3.303 fatcat:fgdotzhfz5bs7epp7vcz3m4ndm