Antiseptische Tamponade, — Schede's Blutcoagulum — und resorbirbare Tamponade

Hermann Cramer
1889 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Arzt in Wittenberge. G luck's Befürwortung der antiseptischen Tamponade bei Höhlenwunde, der er "vorzügliehe Blutstillung, ausgezeichnete Drainage, sichere Antisepsis und endlich Veranlassung zur Bildung von Adhäsionen nachrühmt (D. med. w. 1886 No. 39 "Ueber resorbirbare antisept. TamponacIe') giebt mir Veraulassung einen mir vorgekommenen Fall bekannt zu machen, bei dem ich die erwähnten Vorzüge vollauf bestätigt fand und ausserdem -eigentlich ohne meine Absicht -das Schede'sche Blutcoagulum
more » ... 'sche Blutcoagulum als einen die Heilung wesentlich beschleunigenden Factor schitzen , -gleichwohl aber diesen beiden Wundbebandlungsarten. sogar in ihrer combinirteri Anwendung, dic resorbirbare antiseptische Tamponade wenigstens theoretisch vorziehen lernte. Am 18. October 1888 operirte ich Frau J., 38 Jahre alt. wegen Scirrhus carcjnomatosus der rechten Brustdrüse. Es wurde das ganze Bindegewebe der Achselhöle mit den noch nicht infiltrirten Drüsen sowohl, als auch ausser der Brustdrüse selbst fast das ganze subeutane Fettgewehe der Mamma entfernt. Als Antisepticum wurde, nebenbei benierkt, das sich mir überhaupt sehr gut als solches bewährende Creolin allein in Anwendung gebracht (2 °/oige Lösung). Drei lebhafter blutende Arterien wurden unterbunden, und dann (lie entstandene Höhlung, welche durch ein beim Auslöseii des (Jnterhautfettgewebes in der Achselhöhle entstandenes Loch in der Haut gefenstert war, mit einem nur den Zwecken der Drainage dienenden, lockeren .Jodoformgazetampon durchzogen. Darüber wurden die Hautwundränder vernäht bis auf das erwthnte, zufällig entstandene Fenster in der Haut iiber der Achselhöhle und den unteren Wundwinkel, zu welchen beiden Oeffnungen der Tampon heraussah. Von einer blutstillenden Tamponade hatte ich abgesehen, da ausser aus den erwiihnten kleinen Arterien keine erhebliche Blutung mehr stattfand. Verbunden wurde mit Jodoformgaebkuschen, welche direkt über (1er Wundnaht und in der Achselhöle lagen, und reichlicher Watteeinhülhmg. ZurBefestigung dientezi weiche Mulibinden, um der sehr empfindlichen Patientin so weiiig wie möglich-Druck und Unbequemlichkeiten zu verursachen. Daher wurden auch die Bindentouren nicht sehr angezogen, und kein erheblicher Druck auf die Wunde selbst ausgeübt. Am Abend nach der vormittags vorgenommenen Operation wegen starker Blutung wieder zur Patientin gerufen, fand ich, wohl durch unruhige Bewegungen der Patientin verursacht, den ganzen Verband blutig durchtränkt. Nach Abnahme desselben beschloss ich den gleichfalls durchtrnkten Gazetampon liegen zu lassen, um nicht durch Wechseln desselben die Blutung von neuem anzuregen, vielmehr letztere durch einen fester anzulegenden Verband zu stillen. Die Haut über der Wundhöle war durch geronnenes Blut sehr stark bauchig hervorgewölbt, und ich hatte somit eine -unbeabsichtigte -Ausfüllung der Wunde mit Blut nach Schede vor mir. Ein in gleicher Weise wie vorher, nur etwas fester mit gestärkten Gazebinden angelegter Verband stillte die Blutung vollkommen, so dass ich erst rach 4 Tagen den Verband wieder wechselte (23. October). Hierbei zog ich aus dem unteren Fenster der prall mit Coagulis gefüllten Höhle unter vorsichtig drehenden Bewegungen den Jodoformgazetampon heraus, worauf spärliche, wieder verflüssigte Blutcoagula nachfolgten. Es folgte einfacher antiseptiseher Druckverband mit Sublimatgaze. -Die Temperaturen der Patientin hatten sich stets, wie auch weiterhin, zwischen 37,2 und 37,8 gehalten, irgend welche Eiterung war nicht eingetreten. Nach wieder 4 Tagen, also 8 Tage nach der Operation, war die Haut wieder zur normalen Höhe herabgesunken und die Organisation der Coagula eingetreten. Die mit Catgut genähten Wundränder waren prima verheilt. Es bestanden nur noch an Stelle der beiden Fenster zwei gut granulirende Wundilächen von etwa Zehupfennigstückgrösse, von denen die obere nach weiteren 4, die untere nach 8 Tagen völlig verheilt war. Durch das Volilaufen der Achselhöhle. war der sonst durch Granulationsbildung oft so langwierig ausheilende todte Raum mit einem indifferenten Gerüstwerk und Kiebestoff ausgefüllt, dem wohl die schnelle Heilung gerade an dieser Stelle wesentlich zuzuschreiben ist. Völlige Aseptik, welche durch alleinige Anwendung von Creolin, wie erwähnt, erzielt wurde, sicherte den Erfolg dieses Verfahrens. Obgleich nun in diesem Falle die Heilung einen schnellen und günstigen Verlauf nahm, so war doch die Nachblutung, die uns zwar die Vortheile des Schede'schen Blutcoagulmus brachte, immerhin ein störendes Ereigniss, das mit dem dazu gehörenden Verbandwechsel zu vermeiden im Interesse der Kranken wie des Arztes lag. Da giebt uns nun gerade die resorbirbare Tamponade Gluck's durch Vereinigung der Vortheile der einfachen, nicht resorbirbaren Tamponade und des Schede'schen Blutcoagulums eine neue rationelle Methode, durch welche sich ähnliche störende Zwischenfälle, wie die beschriebenen, wohl vermeiden lassen. Es wird sowohl Ausfüllung der Höhle mit einem indifferenten, weil aseptisehen, ja sogar die Verklebung und Verwachsung fördernden Material dadurch erreicht, und die bei Schede's Methode doch schliesslich immer noch denkbare Zersetzung des der Sepsis so sehr günstigen Coagulums vermieden, aïs auch andererseits für die Wundsecrete eine einfache Drainage geschaffen, die den Vortheil hat, nicht wieder entfernt werden zu brauchen. -Da auch die nach Unterbinden der sichtbaren Gefässe noch bestehende Blutung sicher gestillt wird. so verdient diese neue Methode um so mehr Beachtung, wenn es sich um anämische Patienten oder sehr grosse Höhlenwunden handelt, bei denen die nach Schede's Methode zur Füllung nothwendige Blutmenge leicht einen zu grossen Bruchtheil der ganzen Körperblutmenge darstellen und gefáhrliche Zustände, selbst Verblutung bedingen könnte. Indem zugleich bei Anwendung der resorbirbaren Draintampons das Wechseln oder Entfernen des Tampons wegfällt, vermeiden wir eine immerhin unnöthige, oft äusserst schmerzhafte Reizung, eventuell auch Nachblutungen. Ich glaube demnach, theoretisch von item Werthe der Gluck'scheii. Methode überzeugt, diese bei ähnlichen Fällen wie dem erwähnten, bei Nieren-, Muz-mid Leberoperationen, Exstirpation von Tumoren, endlich ganz besonders für die in der Praxis verhältnissmässig häufig auszuführenden Hernienradicaloperationen als durchaus versuchenswerth bezeichnen zù sollen. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1198199 fatcat:7pq2sq42yvdq7c5ozexj4zhos4