Ein Fall von Herzmuskelentzündung nach Leuchtgasvergiftung

Erich Liebmann
1919 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Oberarzt der Klinik. Veranlassung zu der folgenden Mitteilung war für mich die Arbeit von H. Z o n d e k 1) über Herzbefunde nach Leuchtgasvergiftungen. Z o n d e k beobachtete als konstanten Symptomenkomplex nach Leutgasvergiftungen eine starke, eine Woche anhaltende Blutdrucksenkung, eine anfängliche Tachyund nachfolgende Bradykardie, teilweise Unregelmäßigkeit der Schlagfolge und -ein sehr wichtiges Symptom -in mehreren Fällen eine Dilatation des Herzens. Die letztere, in den meisten Fällen
more » ... den meisten Fällen eine vorübergehende Erscheinung, wurde einmal auch als Spätdilatation beobachtet. Z o n d e k hat diese Herzerweiterung als einen sekundären Vorgang betrachtet, insofern, als die Hauptursache derselben in der peripherischenGefäßerweiterung liegen soll. Ganz ähnlich, wie dies seit den Untersuchungen von R o mb e r g und P a s s 1 e r für einen Großteil der Herzmuskelschädigungen bei Infektionskrankheiten gilt, soU die infolge (1er Gefäßerweiterung wachsende Arbeitsüberlastung des Herzens hauptsächlich den_Zustand bedingen. Nebenbei läßt Z o n d e k 1) Herzbef ande bèi Leuchtgasvergifteten. D. m. W. 1919 Nr.25 S. 678. eine funktionell toxische Schadigung und auch die Infolge der Zirkulationsschwche herabgesetzte Ernährung des Myokards eine Rolle spielen. Was zunachst die beobachtete Herzdilatation anbetrifft sowie auch die übrigen von Z o n d e k beschriebenen Erscheinungen am .Zirkulationsapparat, so muß ich dem AutOr insofern völlig beipflichten, als auch ich in vielen Fällen von Leuchtgasvergiftung die gleichen Erscheinungen festgestellt habe. Diese Beobachtungen haben mich veranlaßt, in den zur Autopsie kommenden Fällen schon seit lãngerer Zeit die Herzmuskulatur zu untersuchen, wobei ich allerdings erst einmal in der Lage war, mit absoluter Sicherheit eine schwere Schadigung der Herzmuskulatur anatomisch nachzuweisen. Da aber auch nur ein positiver Befund bei einem relativ kleinen Material für die hier vorliegende Frage bedeutsam erscheinen muß, teile ich in Folgendem die Einzelheiten des betreffenden Falles mit. Emma Z., 38 Jahre alt, Hausfrau, nach Angabe der Ver-Wandten früher immer gesund, wird am 25. Juli 1916 in ihrem Badezimmer bewußtlos aufgefunden. Das Fenster War offen, im Zimmer herrschte aber ein außerordentlich intensiver Gasgeruch. Es war offenbar durch einen Defekt des Badeofens zum Ausströmen von Leuchtgas gekommen. Auf der Brust und an der linken Hand bestanden Verbrennungen und Verletzungen, die sich die Patientin offenbar beim Hinstürzen zugezogen hatte. Die Patientin wurde sofort von dem behandelnden Arzt stimuliert und hernach dem Kantonsspital überwiesen. Der Zustand bei der Aufnahme war folgender: S t a t u s vom 25. Juli 1916. Ziemlich große, kräftig gebaute Frau in gutem Ernährungszustande. Auf der Brust, über der linken Mamma, eine überhandtellergroße Verbrennung zweiten Grades, ebenso an der rechten Hand. Schürfwunden am linken Arm und an der linken Hand. Haut des Gesichtes blaurot gefärbt, ebenso diejenige der Hände und der unteren Extremitäten. Temperatur in axilla 37,3 O Die Patientin ist durchaus bewußtlos, reagiert Weder auf Anruf noch auf irgendeinen Reiz. Kopf frei beweglich. Skieren rein, Pupillen eng, reagieren auf Lichteinfall nicht. Lippen zyanotiscb, Zunge feucht, Rachenschleimhaut ohne Befund. Hals mittellang, keine Struma, keine Lymphome. Thorax kräftig gewölbt, Atmung oberflächlich, vorwiegend thorakal, 24 Atemzüge in der Minute. Bei der Untersuchung der Lungen werden hinten beiderseith in der Höhe vom siebenten bis zehnten Thoraxwirbej feinbiasige , nichtklingencle Rasselgeräusche wahrgenommen. Herz : Spitzenstoß nicht fuhibar. Grenzen der tiefen Herzdämpfung, linke Mamillarlinle, oberer Rand der dritten linken Rippe, rechts den Sternairand nicht überschreitend. Die Herztöne sind außerordentlich leise, rein, die Herzaktion Ist sehr unregelmäßig, Puls klein, kaum fühlbar, 104 SchlAge In der Minute. An den abdominellen Organen ist nichts Krankhaftes zu finden. Der Urin enthält kein Eiweiß und Zucker, mikroskopisch keine abnormen Elemente. Achilles-, Patellarsehnen-, Bauchdeckenreflex fehlen , kein Babinski. Im Blute kann spektroskopisch sowie mit Natronlauge, den Proben von R u b n e r und K u n k e 1 , mit Sicherheit Kohlenoxydhämoglobin nachgewiesen werden. Patientin wird stark stimuliert, erhält Sauerstoff, erwacht aber aus ihrer Bewußtlosigkeit nicht. Die Atmung wird frequent, geht schließlich In Cheyne-Stokessches Atmen über, der Puls wird unfühlbar, die Temperatur steigt, und die Patientin stirbt 20 Stunden nach der Spitalaufnahme. Die S e k t j o n , 26. Juli 1916, ergibt reichlich dunkelkirschrotes, flüssiges Blut in den Gefäßen. Am Gehirn finden sich im Balken und in den großen Markiagern reichlich flohstichartige Blutungen. Das Herz ist etwas größer als die Faust der Leiche. Im Perikard ist eine Anzahl von kleinsten, gerade noch sichtbaren Blutungen. Der rechte Vorhof enthält dunkelkirschrotes, zum Teil schon geronnenes Blut. Die Muskulatur des linken Ventrikels ist auffallend schlaff, gelblich, wie gekocht, sehr weich und auch mit Blutungen durchsetzt. Die Klappen sind zart und intakt, ebenso die Aorta. An den übrigen Organen wurden mit Ausnahme einer Rötung der Tracheal-und Bronchialschleimhaut und von kleinen, narbigen Einziehungen an der Niere durchaus keine anatomischen Veränderungen gefunden. Die mikroskopische Untersuchung des Myokards, die ich ausführte, zeigte Folgendes: Die Muskulatur der Vorhöfe und des rechten Ventrikels ergab bei der frischen Untersuchung eine starke albuminöse Trübung, während die Durchmusterung der gefärbten Präparate nichts von schwereren Veränderungen erkennen ließ. Hingegen ergaben mehrere Stellen aus der linken Kammer, insbesondere von den der linken Spitze benachbarten Partien, einen s e h r s c h w e r e n B e f u n d. Die Herzmuskulaturfasern selbst lassen in weiterem Umfange keine Querstreuung erkennen, zeigen ein scholliges, zum Teil zerklüftetes Protoplasma, das sich aber überall intensiv mit Eosin färbt; vielfach lassen sie nichts mehr von einem Kern erkennen. Zwischen ihnen finden sich außerordentlich zahlreich reichliche Ansammlungen von neutrophilen Leukozyten und Rundzellen, Welche stellenweise sich in alle Interstitien zwischen Muskelfasern hineindrängen. Die Gefäße sind erweitert, und an vielen Stellen finden sich kleine Blutaustritte. Diese dergestalt veränderten Myokardbezirke sind multipel und liegen meist dicht unter dem Perikard nirgends durchsetzen sie die ganze Wandung, sodaß die Ver.. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1138089 fatcat:4s2s7pgdh5hmrk4gdqm4f43wwq