Die baltischen Staaten und die EU: der steinige Weg von 'außerhalb' zum 'Kern'

Andres Kasekamp
2013 IG  
Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sind die einzigen Länder der ehemaligen Sowjetunion, die der Europäischen Union beigetreten sind. Dieser Erfolg beruht darauf, dass ihre Zugehörigkeit zu Europa nicht nur eine geopolitische Wahl war, sondern grundsätzlich im Einklang mit ihren Werten und ihrer Identität steht. In den vergangenen zwei Jahrzehnten überwanden sie erfolgreich zwei Umbrüche: den mühevollen Übergang von einer Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft nach dem
more » ... haft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und die drastischen Sparmaßnahmen, die den Ländern zu Beginn der aktuellen globalen Finanzkrise auferlegt wurden. Obwohl Estland, Lettland und Litauen oft als die 'baltischen Staaten' zusammen 'in einen Topf geworfen' werden, ist dieser Begriff relativ neu und seine Bedeutung hat sich im Laufe der Zeit verändert. Ein Beispiel für nationale Unterschiede zwischen den drei Staaten sind ihre Sprachen: Litauisch und Lettisch bilden den baltischen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie, Estnisch hingegen ist eng mit Finnisch verwandt und gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie. Dennoch haben die Letten und Esten historisch und kulturell viel mehr gemeinsam als mit den Litauern. Darüber hinaus sind Letten und Esten überwiegend Lutheraner, während die Litauer Katholiken sind. Der Beitrag gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil erklärt den historischen Hintergrund sowie die Gründe und Wege, die Estland, Lettland und Litauen in die Europäische Union geführt haben. Der zweite Teil befasst sich mit der heutigen Europapolitik in den baltischen Staaten und deren Rolle in der Europäischen Union. Der letzte Teil wagt einen Ausblick in die Zukunft der baltischen Staaten und deren Prioritäten in der Europäischen Union. Rückkehr nach Europa Geschichtlicher Hintergrund: gefährdete Unabhängigkeit Bis zum 20. Jahrhundert waren die baltischen Nationen recht verschieden und wurden nicht als zusammengehörig angesehen. Estland und Lettland wurden im 13. Jahrhundert von deutschen Ordensrittern unterjocht. Eine kleine deutsche Minderheit blieb dort trotz dänischer, polnischer, schwedischer und schließlich russischer Herrschaft bis 1917 die dominierende politische, soziale und wirtschaftliche Elite. Litauen wiederum wurde im 15. Jahrhundert der größte Staat in Europa und kontrollierte einen Großteil der Gebiete des heutigen Weißrussland und der westlichen Ukraine. Der Unabhängigkeit des Großherzogtums Litauen nahm nach der Union mit Polen im Jahre 1569 kontinuierlich ab bis zur Absorption durch das russische Reich im Jahr 1795.
doi:10.5771/0720-5120-2013-4-279 fatcat:teapww2g6bhfzn22iuwceckuhe