I. Der Schloßglaube

Wilhelm Von Brünneck
1907 Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte Germanistische Abteilung  
in Halle a/S. Glaube (gelove, geloube, mnd. love) tritt in der Bedeutung von Vertrauen auf die Redlichkeit eines Treuhänders in der deutschen Rechtssprache verhältnismäßig spät auf. 1 ) Die älteste mir bekannte Urkunde, in welcher davon geredet wird, daß jemand einem andern Gut auf Glauben und zu treuer Hand ausantwortet, rührt aus dem Jahre 1360 her. 2 ) In einem weiteren abgeleiteten Sinne wird das Wort Glaube dann aber bald auch gebraucht, um das an anvertrautem Gut dem Treuhänder
more » ... euhänder eingeräumte Recht zu bezeichnen. 3 ) ') Der Sachsen-und der Schwabenspiegel kennen das Wort Glaube nur als Bezeichnung des religiösen Begriffs der dem Menschen innewohnenden Überzeugung von Gott und göttlichen Dingen. Vgl. Sachsenspiegel I, 18 § 3, III, 54 § 2, 57 § 1; Schwabenspiegel (Laßberg) Landrecht 122. -2 ) S. die Urk. vom 31. Oktober 1366 über den Vertrag, den die Fürsten von Werle, Lorenz, Johann der Jüngere und Johann der Ältere mit dem Herzog Albrecht von Mecklenburg und dessen Söhnen, Heinrich und Magnus wegen der Vermählung des Fürsten Johann des Älteren mit Eyphemia, Tochter des Herzogs Heinrich, schließen (Mecklenb. U.-B. Nr. 9560). Darin heißt es: "schal hertoghe Albrecht -van staden an, Plawehus, stad vnd land -her Olricke Moltzane, riddere, Clawes Hanen, Hinricke Lewytzowe vnd Hennecken van Grabowen knapen antwarden vppe louen vnde to truwer hand, beyde van vnser vedderen weghen vnde van vnser weghen vnde vnser eruen weghen."a ) S. die Urk. v. J. 1420 (de Westphalen, Mon. inédit, rer. Germanie, praeeipue Cimbricar. et Megapolit. II p. 591 bis 592) bei den Worten: "lehen vnd louen". Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XXVIII. Germ. Abt. 1 Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 5/30/15 1:22 AM *) S. das p. 617 dort mitgeteilte, von Swend Sture und mehreren schwedischen Eittern an den König Erich (VII.) und die Königin Margarethe gerichtete Schreiben bei den Worten: "jeg -Svend Sture oc vi alle forskreffne riddere -binde os, med dette brefï, at ville oc skulle herre konning Erich, frue dronning Margrette -det slot og feste Krytzberg med Norrebotten, oc med alle de laen, der nu tilliger -med bygning som der nu er, oc med spise oc verge, oc saamed slotzlougen at leffuere." -2 ) S. das mecklenburgische Urkundenbuch in der Überschrift zu der Urkunde Nr. 9593. Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 5/30/15 1:22 AM Der Schloßglaube. 3 und habe die Feste ausgeliefert, ohne daran Anstoß zu nehmen, daß der König damals, wenn schon der Fesseln entledigt, aus der Gefangenschaft selbst aber noch nicht entlassen war. 1 ) Der eben geschilderte Vorgang ist darum bemerkenswert, weil dasselbe Schloß Axewall im Jahre 1405 wiederum zum Gegenstand einer Verleihung zu' treuer Hand gemacht, zugleich aber das auf den Treuhänder übertragene Recht jetzt näher bezeichnet wurde. In der hierüber errichteten Urkunde bekennen Hennicke Beckmand und Niels Guttormsson dem König Erich (VII.) von Pommern und der Königin Margarethe gegenüber mit ausdrücklichen Worten, Axewals Schloßglauben von ihnen zu treuer Hand empfangen und angenommen zu haben. 2 ) In der einen Wortverbindung Schloßglaube werden so Gedanken zusammengefaßt· und zum Ausdruck gebracht, welche man, solange bei der Abfassung von Urkunden der Gebrauch der lateinischen Sprache vorherrschte, nur durch mehrere Worte zu umschreiben und wiederzugeben wußte. -Daß es sich bei dem Schloßglauben um das Rechtsverhältnis der Treuhand handelte, unterliegt keinem Zweifel. Die Urkunden sprechen sich hierüber deutlich genug aus. 3 ) !) S. die Urk. vom 16. Juni 1367 (Mecklenb. U.-B. Nr. 9593): "Nouerint vniuersi -, quod nos Magnus -rex Norwegie -viro Gherhardo Snakenborg familiari nostro, Castrum nostrum Absauald in Westgocia eo pacto et fidelitate tradidimus -, quod ipsum Castrum nobis redderet et in manibus nostris libere resignaret, quandocunque a nobis fieret requisitus. -Et nunc cum idem Castrum Absauald a -Gherhardo Snakenborch in subsidium nostre redempcionis, liberacionia et solucionis captiuitate -principum dominorum Alberti -Sweorum Gothorumque regis et Alberti ducis Magnopolensis et comitis Zwerinensis repetiuimus et nobis seriose restituì mandauimus, jam a vinculis, licet non a captivitate liberati -Gherhardus dictum Castrum Absauald, sibi sub fidelitatis specie assignatum, nobis fideliter resignauit." -2 ) Huitfeld a.a.O. p. 626: "aar 1405 -haffuer Heinrick Beckmand oc Niels Guttormsson udgiffuet deris bekiendelse til konning Erich oc dronning Margret, at haffue annammet aff dennem Axelvold slotzloug, medde laender til ligger, til troer hande, igien at offerantvorde, naar det aff en aff dennen fordredis, med dode baad kongen oc dronningen, da skulle de holde forneffnde slot til dein herris systers jomfru Catharina haand, dode hun oc, da skulde de holde forneffnde slot til· Sveriges rigis haand." -3 ) S. die in der vorigen 1* Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 5/30/15 1:22 AM von Brünneck, Wie aber war dieses geartet, und welche Rechte und Pflichten entsprangen daraus? Nach Inhalt der dänischen Handfesten und Lehnbriefe des 14.-17. Jahrhunderts werden zu Schloßglauben nicht irgendwelche Bargen oder Schlösser, einschließlich solcher verliehen, welche sich auf den Gütern von Grundherren oder innerhalb von Städten befanden. Den Gegenstand des Schloßglaubens bilden allein die zum Schutze und zur Verteidigung des Reichs im Innern oder an dessen Grenzen errichteten Pesten und Landesschlösser. Wie die Krongüter, welche zu Lehn gegeben wurden, gehörten die Landesschlösser, so lange das Königtum in Dänemark und in den zeitweilig mit ihm vereinigten andern beiden nordischen Reichen ein Wahlkönigtum war, nicht eigentlich dem Könige, sondern dem Reiche. 1 ) Wohl aber galt der König und zwar er allein für befugt, Krongüter zu Lehn und Landesschlösser auf Schloßglauben zu verleihen. Sein Recht hierzu gründete sich in seiner Herrschergewalt und der daraus entspringenden obersten Kriegsherrlichkeit. 2 ) Bei eintretendem Thronwechsel gingen ehemals die dem Könige aus der Verleihung von Schloßglauben erwachsenen Rechte ohne weiteres auf den Nachfolger über. 3 ) Das wurde anders, als König Johann 1481 zur Regierung kam. Seitdem fielen jene Rechte, die man jetzt der Kürze halber auch Schloßglauben nannte, mit Ableben des Königs an den Reichsrat. Dieser übertrug sie dann erst weiter auf den neuen König. 4 ) Dabei ist es, solange Dänemark ein Wahlreich war, geblieben. 5 ) Note angeführte Urk. v. J. 1405 und vgl. damit die von Peter Kofod Ancher, Samlede juridiske skrifter (udgivne af J. F. Schlegel og R. Nyerup), III p. 357 aus den dänischen Lehnbriefen mitgeteilte, darin immer wiederkehrende, als typisch zu betrachtende Redensart "holde et slot til troe haende". S. die Urk. von 1405 (oben S. 3 Note 2) bei den Worten: "dode hun oc, da skulde de holde forneffnde slot til Sveriges rigis haand" und vgl. dazu Pet. Kof. Ancher a. a. 0. III p. 302. 355. 357. -2 ) S. Pet. Kof. Ancher a. a. 0. III p. 302: "kongerne selv ikke künde tilegne sig noget egentlig saa kaldet Dominium : de ere Herrer, ikke Ejere." -3 ) Ancher a. a. O. III p. 355ff. -4 ) S. Skibye, Kronick (Scriptores rer. Danicar. II p. 559): " Ao. 1482 est solennis dominorum regni conventus in civit. Calundeburg, ubi fides castrensis omnium regni castrorum resignata fuit dno. Johanni electo regi nondum coro-Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 5/30/15 1:22 AM Der Schloßglaube. 5 Schon der Umstand, daß er selbst kein Eigentum an den Festen und Schlössern des Reiches hatte, macht eine vom König ausgehende Verleihung des Schloßglaubens zu Eigentum unwahrscheinlich, auch wenn man annehmen wollte, es sei damit das Eigentum an der Feste oder dem Schloß nicht bloß widerruflich, sondern zugleich fiduziarisch mit der Maßgabe auf einen Treuhänder übertragen worden, daß dieser wohl nach außen hin, Dritten gegenüber, als Eigentümer zu nato"; ferner Handfeste des Königs Johann von 1483 (Huitfeld a. a. 0. p. 971): "ville vi oc skulle annamme alle slotsloveer af -Danmarckis oc Norgis rigers raad, oc beplicte os dennen at antvorde fra os vore gode maand oc tie nere." Zu mehrerer Sicherheit der Erfüllung dieser Verpflichtung, und um zu verhindern, daß bei stattfindendem Widerruf des Schloßglaubens der Treuhänder nicht etwa vom Könige angewiesen würde, die Feste oder das Landesschloß behufs neuer Verleihung an einen nicht geeigneten Empfanger auszuliefern, ward in die über die Verleihung von Schloßglauben erteilten Lehnbriefe die Bestimmung aufgenommen, es solle die Rückgabe, wenn es dazu komme, nicht allein in die Hände des Königs, sondern zugleich zu Händen des Reichsrates geschehen. -5 ) S. An eher a. a. 0. III p. 355, der auf die Handfesten der Könige, Christian II. Art. 28, 53; Friedrich I. Art. 9, 57; Christian III. Art. 5 verweist und vgl. damit die bei de Westfalen, Mon. ined, II p. 1826 abgedruckte plattdeutsche Ausfertigung der Handfeste König Friedrichs II. von 1559: "Wy schölen ock annehmen alle schlots loffue in den ricke tho Dennemarcken vnde Norwegen van vnsern leuen getruwen Dennemarckischen Ryckes rade." Der von Christian II. gemachte Versuch, den älteren Rechtszustand wiederherzustellen und seinem Erben und Nachfolger mit der Herrschergewalt zugleich die Verfügung über die Schloßglauben zu verschaffen, mißglückte. Er gab den Anlaß zu einer der mehreren Beschwerden, welche schließlich (1523) seine Absetzung und die Wahl Friedrichs I. herbeiführten. S. den Abdruck dieser Beschwerden bei de Ludewig, Reliqu. mss. V p. 315: "Regia etiam dignitas sua adversus obstrictionem praestitaque juramenta fidem arcis atque tuitionem a consiliariis regni alienavit eamdemque, ubi morte se decedere contingeret, in heredes vertit, sie ob ea antiquum liberum regnum nostrum in perpetuam oppressionem veniret [ac] libera electione spoliaremur" und vgl. damit den dänischen Text in Huitfelds Chronik p. 1217: "Hans kong. m. haffuer ocsaal imod hans eed oc pliet, fornden rigens raads samtycke, forandrit slotzlouerne oc der som en, er dod, haffuer hand gifvet den til hans arffvinger, der med at giere äff vorts rigerit arff verige oc os voris frij kaar at beroffve." Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 5/30/15 1:22 AM ') Hierauf bezieht sich die in den Lehnbriefen wiederkehrende Wendung, es solle der Lehnmann das ihm anvertraute Schloß oder Festung in einem festen und treuen Schloßglauben halten, "dem Könige und Dänemarks Reiches Rate zu treuen Händen, so wie es einem ehrlichen Rittersmann eigne und gebühre, und er mit Ehren verteidigen wolle". Ancher a. a. 0. III p. 384 und vgl. dazu dessen Ausführungen daselbst p. 385-386. -2 ) S. Ancher a. a. 0. III p. 386.
doi:10.7767/zrgga.1907.28.1.1 fatcat:mnr2alkeenalfioj2d5efgynzq