Klinische Versuche mit Formicin (Formaldehyd-Acetamid)

Kurt Bartholdy
1905 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Seit zwei Jahren ist auf der Chirurgischen Abteilung des Stadtischen Krankenhauses zu Wiesbaden ein Formaldehydpraparat, welches chemisch Formaldehyd-Acetaiiiid darstellt, im Gebrauch, und zwar wurde es, ähnlich wie das Formalin II der konservativen Gelenk-und Tuberculosechirurgie, als ein Ersatzmittel für Jodoformglycerin verwendet. Die Annehmlichkeiten des Präparats für die verschiedensten Formen der Anwendung haben dazu geführt, es auch zu anderen chirurgischen Zwecken zu gebrauchen. Das
more » ... aldehyd-Acetamid oder Formicin wurde von Dr. G. Fuchs (Biebrich a. Rh.) nach einem der Firma Kaue & Co. A-G. patentierten Verfahren dargestellt und wird von dieser in den Handel gebracht. Das Präparat, das auch kristallinisch erhalten werden kann, stellt eine dick]iche, sirupöse Flüssigkeit von schwach gelblicher Farbe dar, hat das spezifische Gewicht 1,13-1,15, einen schwachen. an Säuren erinnernden Geruch und einen etwas bitteren Geschmack. Es ist mit Wasser und Alkohol in jedem Verhältnis mischbar, in Aether unlöslich. Die wichtigste Eigenschaft des Formicins ist seine leichte Spaltbaikeit unter Entwicklung von feuchtem Formaldehyd. Schon beim Erwärmen auf 37° C, beginnt, wenn es in Wasser gelöst ist, eine allmähliche Abspaltung von Formaldehyd, die mit steigender Temperatur immer inten-Slyer wird, bis beim Kochen das Formaldehyd in Strömen entweicht. Auch das reine Formicin wird beim Kochen dissoziiert. Dementsprechend entfaltet auch das Formicin nach bakteriologischen Versuchen von Dr. E. Koch (Aachen) bei 37° C, der Temperatur des Blutes, intensive bakteiizide, bzw. desinfizierende Wirkung Die wkc.serige Lösung des Formicins ist schwach sauer, greift aber im Gegensatz zur wässerigen Formaldehydlösung (Formalin oder Formol) Eisen und andere Metalle (Instrumente) nicht an. Bevor es uns zu Versuchszwecken zuging, war es in Gaben bis zu 3 g pro die, in Wasser gelöst, wochenlang ohne Schaden intern genommen worden. Der Nachweis des im Urin ausgeschiedenen Formaldehyde erfolgt durch Versetzen des Urins mît dem gleichen Volumen 1 %iger wässeriger Phloroglucinlösung und Hinzufügen von etwas Kalilauge, worauf nach kurzer Zeit vorübergehend Rotbraun-Färbung auftritt. Das Formicin wurde, wie erwähnt, zunächst zu Injektionen in Gelenke, Weichteile, Abscesse etc. als Ersatzmittel für das Jodoformglycerin verwendet. Vor diesem hat es den großen Vorzug, daß es in der benutzten 5 °/»gen, wässerigen Lösung eine dünnflüssige, leicht injizierbare Flüs.sigkeit darstellt, die nicht die Anwendung dicker Kanülen erfordert, sondern selbst mit Pravaznadel leicht injiziert werden kann. Für Fälle, welche zur Fistelbildung neigen, ist die Vermeidung eines weiteren Stichkanals sehr wertvoll. Insbesondere für parenchymatöse Injektionen ist die wässerige Lösung angenehm zu verwenden, da sie sich leicht im Gewebe verteilt, ohne unter besonders starken Druck gesetzt werden zu müssen. Die gleichen Vorteile bietet bereits das seit längerer Zeit viel in Anwendung kommende Formalin in Lösung. Gegenüber den Formalininjektionen zeichnet sich die neue Formaldehydverbindung jedoch durch Fehlen irgendwie erheblicher Schmerzen bei und nach der Injektion aus. Auch empfindliche Patienten spüren im Injektionsgebiete höchstens ein mehr oder weniger starkes Brennen, welches meist erst einige Zeit nach der Injektion beginnt, gewöhnlich bald aufhört und nur selten einige Stunden anhält. Schmerzstillende Mittel, Morphium, Cocain etc., wie sie Formalininjektionen erfordern, waren niemals nötig. Alle Stichkanäle heilten reaktionslos, führten also nie zur Fistelbildung. Die nach Jodoformglycerininjektionen oft zu beobachtenden Temperatursteigerungen fehlen. Die hier gegebenen Resultate fußen auf 83 Injektionen bei tuberculösen Erkrankungen der Gelenke oder Weichteile und 21 Injektionen in nichttuberculöse Kniegelenke. Die bei den Tuberculosen erreichten Resultate sind den Resultaten gleichzustellen, die von Jodoformglycerininjektionen zu erwarten waren. Von Dauerresultaten kann insofern nicht beiichtet werden. als die Behandlungszeit seit der Anwendung des Mittels noch zu kurz ist. Immerhin darf man in einigen Fälle nach ihrem bisherigen Verlaufe dauernde Heilung erwarten. Andere freilich haben wie bei allen konservativen Behandlungsmethoden doch schließhich zur Radikaloperation geführt. Bemerkenswert erscheint ein Fall von Ellbogengelenktuberculose mit Fistelbildung. bei welchem innerhalb acht Wochen nach einmahiger Injektion in das Gelenk und parenchymatöser lnektion in die Umgebung der Fistel die Tumorbildung des Ge1euk ganz wesentlich zurückgegangen ist und die Fistel nach drei weiteren Injektionen in Pausen von vier bis sechs Wochen versiegte. Piecer Fall ist seit fünf Monaten vollkommen geheilt mit ausgezeichnetem funktionellem Resultat. Die Injektionen in nichttuberculöse Gelenke betrafen zweimal ein tabisches Kniegelenk, einmal ein Kniegelenk bei chronischem Gelenkrheumatismus (Zottengelenk) und kongenitaler Lues, 16mal Hydarthros verschiedensten, meist traumatischen Ursprunges, endlich eine subakute Gonitis unklarer Aetiologie bei einem Kinde, bei welchem Tuberculose nicht auszuschließen, aber auch nicht als sicher anzunehmen war. Dieses letzte, erheblich verdickte Gelenk heilte auf einmalige Injektion nach Fixation im Gipsverband in etwa drei Monaten mit gutem funktionehlem Resultat. Das Zottengelenk hat sich nach Form und Schmerzhaftigkeit wesentlich gebessert. Unter den 16 Fällen von Hydarthros ergab sich bei zwei Fällen von chronischem Gelenkrheumatismus ein vhißerfolg, sonst guter Erfolg. Das syphilitische Kniegelenk hat sich auf eine lnjektion wesentlich gebessert, jedoch ist das Resultat der vollkommenen Heilung auf eine später eingeleitete, antiluetisehe Kur zurückzuführen. Bei dem tabischen Gelenk hat die hohe Schnierzhaftigkeit jedesmal nach den Injektionen mit voiaufgeschickter Punktion für einige Wochen sehr erheblich nachgelassen. Die Annehmlichkeiten des Präparates. das sich in den angewendeten Dosen (bis 10 ccm 5 °/çige Lösung) insbesondere für die Nieren vollkommen unschädlich erwies, gaben Veranlassung, es auch anderweitig zu versuchen. Seine Unschädhichkeit beweist ein Fall von malignen Lymphomen bei einem Kinde von acht Jahren. welches sechs Wochen lang täglich das Präparat intravenös erhielt, und zwar in steigender Dosis von 0,25 ccm einer 1 °/0igen bis zu zwei Pravazspritzen einer 5 °/0igen wässerigen Lösung. Die erhöhte Temperatur fiel nach den ersten Injektionen kurze Zeit. stieg dann aber wieder dauernd bis zu der Höhe (mn 380 herum), auf der sie sich seit Monaten auch hei intravenösen injektionen von Solutio Fowleri, Natrium arsenicusum und Atoxyl bewegt hatte. Jedenfalls bedingt das Präparat keine Temperaturerhöhung. Der Urin blieb dauernd frei von Eiweiß. Ein therapeutischer Erfolg war nicht zu verzeichnen. Blasenspülungen (acht Fälle bei chronischer Cystitis auf Grund von Prostatahypertrophie mit Residualharn waren bei Verwendung S °/0iger Lösung zu schmerzhaft: Es trat ein intensives Brennen in Blase und Urethra auf. Dagegen wurden 2 °/0ige Lösungen bei täglich einmaliger Spülung vorzüglich vertragen, erzeugten auch in der Urethra beim Ausfließen der zurückgelassenen Spülflüssigkeit kein Brennen und bewirkten schnelle Klärung des trüben Urines in acht bis zehn Tagen. Insbesondere schwand der stinkende Geruch fast stets schon nach der ersten Spülung. Zu beachten ist bei Blasenspülungen, daß die Lösung nicht zu warm genommen wird, damit nicht zu viel Formaldehyd aus ihr entweicht; es empfiehlt sich. in der Blase etwas Spülflüssigkeit zurückzulassen. aus der dann langsam unter der Körperwärme Formaldehyd sich abspaltet. Als Höhlendesinfizienz und Desodorans hat sich das Präparat ferner bei einem stinkenden Empyem nach Rippenresektion gut bewährt. Wenn auch auf die Temperatur kein Einfluß ausgeübt würde, so erreichte das Ausspülen der Hohle mit einer 2 ¡gen Lösung doch in zwei Tagen vollkommene Geruchlosigkeit des Eiters. Vor allen Dingen war bei der zurückfließenden Spülflüssigkeit sfort der nicht unangenehme Geruc!i des Formaldehyd vorwiegend und verdeckte damit den früheren üblen Geruch. Die gleiche Annehmlichkeit zeigte das Präparat bei Anwendung einer 2°/0iger Lösung in Form von 2u1 5. Oktober. DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSCI[RIFT ioi Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1188379 fatcat:nasalc3c4nfpjbi3omdnwvm7hu