Der Gottesdienst der Hebräerbriefgemeinde

Friedrich Schröger
2014
Daß nach den Schriften des Neuen Testamentes Gemeinde zentral im Gottesdienst, oder doch von ihm her erbaut wird, kann ernstlich nicht in Frage gestellt werden. Wie aber sieht der Gottesdienst in den Gemeinden des Neuen Testamentes aus? In der folgenden Untersuchung soll der Frage nachgegangen werden, welcher Art der Gottesdienst in der Gemeinde war, die der Hebräerbriefverfasser mit seinem Schreiben anspricht. Zweifellos gibt es in dieser Gemeinde gottesdienstliche Versammlungen, denn in 10,
more » ... ngen, denn in 10, 25 wird gemahnt, »nicht wegzubleiben von der eigenen Versammlung, wie (es) Brauch (ist) bei einigen, sondern (einander) zuzureden, und (das) um so mehr, als ihr den Tag nahen seht«. Was aber ging bei diesen gottesdienstlichen Versammlungen vor sich? Die nächstliegende Antwort, die ziemlich allgemeine Zustimmung haben könnte, mag zunächst mit H. Schlier 1 ) ausgedrückt lauten: »Es ist kein Zweifel, daß nach den Schriften des Neuen Testamentes die wirksame Mitte des Gottesdienstes, der Versammlung des Volkes Gottes, das Herrenmahl ist, das bald den Namen der Eucharistie empfing«, das man sich wohl um diese Zeit in ihrem Vollzug so vorzustellen hat, wie es in 1 Kor 11,20-27 beschrieben ist: » 20 Wenn ihr euch nun dazu (erg. zur Ekklesia) versammelt, ist das nicht (mehr) Herrenmahl-Feiern (essen). 21 Denn jeder nimmt seine eigene (mitgebrachte) Mahlzeit beim (gemeinsamen) Essen vorweg, und der eine hungert, der andere aber ist betrunken. 22 Habt ihr denn nicht (eure) Häuser zum Essen und Trinken? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, welche nichts haben? 23 Denn ich habe vom Herrn her empfangen, was ich euch auch überliefert habe: In der Nacht, in der er dahingegeben wurde, nahm der Herr Jesus Brot, 24 und nach einem Dankgebet brach er es und sprach: Das ist mein Leib, für euch! Dies tut zu meinem Gedächtnis. 25 Ebenso (nahm er) auch den Becher nach dem Mahle mit den Worten: Dieser Becher ist der neue Bund kraft meines Blutes. Dies tut, sooft ihr (ihn) trinkt, zu meinem Gedächtnis. 26 Denn sooft ihr dieses Brot eßt und den Becher trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Freilich hat das Herrenmahl in den verschiedenen urchristlichen Gemeinden zunächst keine einheitliche Form und auch den »Einsetzungsworten« ist eine je andere Bedeutung zugemessen worden, je nach Auffassung des ganzen Geschehens. Nach *) H. Schlier, Die Verkündigung im Gottesdienst der Kirche, in: d e r s., Die Zeit der Kirche, Freiburg i. Br. 1956, 246. 2 ) P. Neuenzeit, Das Herrenmahl I Studien zur paulinischen Eucharistieauffassung (Stud. z. A. u. N. T., 1), München 1960, 169-171. 3 ) J. E. F i e 1 d, The apostolic Liturgy and the Epistle to the Hebrews I Being a Commentary on the Epistle in its Relation to the Holy Eucharist, with Appendices on the Liturgy of the Primitive Church, London 1882. 4 ) A. a. O. V. Der Gottesdienst der Hebräerbrief gemeinde 163 Genauerhin sieht er Anspielungen an die Eucharistie in 2,14 (»da nun die Kinder an Blut und Fleisch Anteil empfangen haben«) 5 ), in 3,14 (»denn Genossen des Christus sind wir geworden«) 6 ), in 6, 4. 5 (»die von der himmlischen Gabe gekostet haben .. . und die Kräfte des künftigen Äons«) 7 ), in 9, 23 (»bessere Opfer«), in 10, 19-39, und in 12, 14 (»trachtet nach Frieden mit allen und nach der Heiligung«) sieht er »the Kiss of Peace and the Blessing« 8 ) bei der Eucharistiefeier. Auch H. Middendorf 9 ) will zeigen, »daß verschiedene Gedankengänge des Briefes uns zum Sacrificium missae hinführen« 10 ), und er will die »Fehlerquellen« aufzeigen, »aus denen das scheinbare Ubersehen des Meßopfers durch den Verfasser des Briefes und das tatsächliche Nichtsehen durch die Exegeten erklärbar ist« 11 ). H. Middendorf möchte insbesondere in der Stelle Hebr 13, 7-17 eine unmittelbare »Meßopfertheologie« erkennen. Er gibt zunächst eine Ubersetzung bzw. Umschreibung -wie er selbst sagt -der Verse 7-17: »V. 7: Gedenket eurer (ersten) Führer, die euch das Wort Gottes verkündeten; ihr habt das Ende ihres Lebenswandels gesehen; ahmet ihren Glauben nach! V. 8: Jesus Christus ist gestern (zur Zeit ihrer Lehrverkündigung) und heute derselbe; er bleibt es in Ewigkeit! V. 9: So laßt euch nicht durch verschiedenartige und fremde Lehren abseits führen! Gut ist es, daß man durch Gnaden(mittel) das Innenleben nährt, aber nicht durch Speisen (--Beispiel für die Ordnung der toten Gesetzeswerke); diese (Gesetzesordnung) hat denen nichts genützt, die darnach handeln. V. 10: Wir haben einen Brandopferaltar, von dem nicht essen dürfen (nach ihrem eigenen Gesetz) die Diener des Zeltes (des Alten Bundes). V. 11: Denn die Körper der Tiere, deren Blut als Sündopfer vom Hohenpriester ins Allerheiligste gebracht wird, wurden außerhalb des Lagers verbrannt. V. 12: Deshalb litt auch Jesus außerhalb des Tores, damit er durch sein eigenes Blut sein Volk heilige. V. 13: Laßt uns denn hinausgehen zu ihm außerhalb des Lagers, um teilzunehmen an seiner Schmach. V. 14: Wir haben hier nämlich keine bleibende Stadt (etwa Jerusalem), sondern suchen die zukünftige. V. 15: Durch ihn also laßt uns darbringen immerdar Gott das Lobopfer, das heißt die Furcht der Lippen, die seinem Namen huldigen! V. 16: Vergeßt nicht auf die Wohltätigkeit und (Pflege der) Gemeinschaft; an solchen Opfern (Lob-und Liebesdienst) hat Gott Gefallen. V. 17: Gehorchet euern Führern (Bischöfen und Diakonen) und seid ihnen Untertan; diese nämlich wachen über eure Seelen und sind Rechenschaftsablage dafür schuldig; mögen sie es mit Freuden und nicht mit Seufzen tun; letzteres wäre euch nicht von Nutzen« 12 ). Er stellt dann recht unvermittelt abschließend über den Abschnitt 13, 7-17 fest: »In den ersten Versen sahen wir einen Hinweis auf den Wortgottesdienst. 9-15 sprachen uns vom Meßopfer. Es ist ein Sühnopfer, ein Bundesopfer, ein Lobopfer. Aktiv und passiv nehmen wir daran teil« 13 ). An der Gewaltsamkeit und Unhaltbarkeit solcher Ausführungen besteht kein Zweifel. 5 ) A.a.O. 74. ') A.a.O. 97. •) A.a.O. 152. *) A. a. O. 356 f. ') H. M i d d e n d o r f, Das hl. Meßopfer nach dem Hebräerbrief y in: Oberrheinisches Pasto-
doi:10.5282/mthz/1931 fatcat:trqjps5p3nc2vlkydasd6s7y2y