Kasten Schubert: Freiheit als Kritik : Sozialphilosophie nach Foucault, Bielefeld: transcript Verlag 2018 [article]

Janina Ruhnau
2018
Wie frei ist das Subjekt? Wird es von außen determiniert oder konstituiert es sich auf der Grundlage freiheitlicher Praxis selbst? Diese Diskussion wird rund um die Werke Michel Foucaults breit geführt. Während die einen Foucault als pessimistischen Machtanalytiker lesen, bei dem Subjekte nur die Endpunkte von Diskursen und Dispositiven darstellen, betonen andere unter Verweis auf sein Spätwerk die Gestaltungsmöglichkeiten und die daraus abzuleitende Freiheit des Subjekts. Diese Debatte um die
more » ... ese Debatte um die (Un-)Freiheit bei Foucault bildet auch den Ausgangspunkt der vorliegenden Studie. In der Auseinandersetzung mit sozialtheoretischen Interpretationen der Subjektivierung rekonstruiert Karsten Schubert einen Freiheitsbegriff, der Freiheit als Kritik begreift und der seiner Ansicht nach "demokratietheoretisch verstanden werden kann" (312). Mit der Überführung des nach Foucault gebildeten Freiheitsbegriffs in die Politische Theorie verfolgt er das Ziel, diese auf eine postfundamentalistische Basis zu stellen. Diesem Vorhaben widmet sich Schubert anhand der Analyse von vier Rezeptionslinien, die er in den Debatten um Foucault identifiziert. In diesen wird zum einen das Macht-/Freiheitsproblem verhandelt; zum anderen wird es in Bezug zur (In-)Kohärenz des foucault'schen Gesamtwerks gesetzt: Ist Foucaults Machtbegriff kohärent? Hat er ihn innerhalb seines Werkes korrigiert? Schubert wählt vier exemplarische Vertreter*innen der von ihm kategorisierten Rezeptionslinien: für die Kohärenz Foucaults Paul Patton, für die Korrektur innerhalb des foucault'schen Werkes Thomas Lemke, für die Kohärenz des Werkes im Sinne eines Kritikmodus' Martin Saar und für die Feststellung, dass Foucault nicht ausreiche, um das Macht-/Freiheitsproblem zu lösen, Amy Allen. Schubert macht von Beginn an deutlich, dass die Problematik der Freiheit für ihn aus zwei verschiedenen Problemen besteht, nämlich dem "Freiheitsproblem der Machtdetermination" einerseits und dem "Freiheitsproblem der Subjektivierung" (18) andererseits. Beim ersten gehe es darum, ob dem Subjekt überhaupt Handlungsmöglichkeiten zukommen, beim zweiten um das scheinbar freie und selbstreflexive Subjekt des Neoliberalismus, bei dem unklar bleibe, inwiefern es wirklich frei sei, da seine freiheitlichen Eigenschaften doch erst vom neoliberalen Subjektivierungsregime hervorgebracht werden würden. Kriterium für Freiheit müsse demnach die Fähigkeit zur Kritik der eigenen Subjektivierung sein. Für Schubert ergeben sich daraus zwei Freiheitsbegriffe, einer, der sich in prinzipieller Handlungsfähigkeit ausdrückt und damit ontologisch ist, und ein sozialtheoretischer, bedingter: Freiheit als Kritik.
doi:10.6094/behemoth.2018.11.2.994 fatcat:yeher77khvbytmjkdb2kdopcee