Ueber Unfallneurosen und die Mitwirkung des Arztes bei ihrer Bekämpfung1)(Schluß aus Nr. 47.)

Ernst Schultze
1912 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Ich persönlich halte es für notwendig, daß die Gutachten über Unfailneurosen sich sehr viel häufiger auf eine Krankenhausbeobachtung stützen, als es bisher der Fall ist. Vor allem sollte das schon für die erste Beobachtung gelten, deren Ausfall geradezu eine entscheidende Bedeutung zukommt. Daß für diese Zwecke vor allen Dingen die Krankenhäuser mit einer neurologischen oder vielmehr psychiatrischen Abteilung in Betracht kommen, liegt auf der Hand. Die häufige Klage über Schlaflosigkeit läßt
more » ... h beispielsweise doch nur durch eine Unterbringung auf einem Wachsaal hinsichtlich ihrer Berechtigung prüfen. Freilich wird mir entgegengehalten werden, dadurch entständen ungeheure Kosten. Aber diese Kosten, die in Wirklichkeit nicht so erheblich sind, spielen keine Rolle gegenüber der hierdurch in vielen Fällen ermöglichten Ersparnis an Rente. Ebenso trifft der Einwand, die Krankenhausbehandlung schädige den Unfallverletzten, in Wirklichkeit kaum zu, wie die entgegenstehenden Beobachtungen in den TJnfallkrankenhäusern gelehrt haben. Geradezu komisch wirkte in einem Gutachten die Warnung eines Nervenarztes, einen Unfallverletzten in eine Nervenklinik zu schicken, da er dort sicher eine traumatische Neurose bekommen werde. Der Nervenarzt hatte eine organisch bedingte Hemiplegie angenommen, die aber in Wirklichkeit nur eine solche hysterischen Ursprungs war. Für die Notwendigkeit einer wiederholten Unters u e h u ng der Unfallverletzten sprechen auch folgende Beobachtungen. Man findet nicht selten bei der ersten Untersuchung einen relativ hohen Blutdruck , der an Arterioskierosedenken läßt. Bei späteren Untersuchungen erscheint der Blutdruck geringer. Vielleicht ist diese Erscheinung, die ich wiederholt beobachten konnte, darauf zurückzuführen, daß der Unfallverletzte bei der ersten Untersuchung affektiv sehr erregt war. In dem gleichen Sinne ist auch die weitere, wiederholt von mir gemachte Beobachtung zu deuten, daß der zu Begutachtende bei der ersten Untersuchung Glykosurie zeigte, später aber nicht mehr. Bereits in meiner Arbeit über Störungen des Kohlehydratstoffwechsels bei Geisteskranken habe ich auf diese Erscheinung hingewiesen, die auchein Verständnis für die Häufigkeit der alimentären Glykosurie bei Unfailneurosen anbahnt. Von Einzelsymptomen mit der Möglichkeit einer falschen Bewertung erwähne ich noch das blasse Aus se he n vieler Unfallverletzten, das auf spastische Zustände der Blutgefäße in der Haut zurückzuführen ist, aber in Gutachten als Anämie gedeutet wird. Schon der günstige Ausfall der Hämoglobinbestimmung, deren Vornahme auch demPraktiker heute ohne weiteres möglich ist, kann vor diesem Irrtum bewahren. Ich will die berechtigten Bedenken gegen die Bezeichnung: ,traumatisehe Neurose" oder, da zu dem Trauma doch meist noch der Entschädigungsanspruch hinzukommen muß, , ,U n falln e uros e" nicht wieder aufrollen. Darin stimmen alle Autoren überein, daß das Krankheitsbild der Unfailneurosen nicht so spezifisch ist, daß wir es nur nach Unfällen finden. Das Krankheitsbild setzt sich aus hysterischen und neurasthenischen Erscheinungen mit einem mehr oder minder ausgesprochen hypochondrisohen Einschlag zusammen; seine spezifische Färbung erhält es durch das 'Streben, eineRente zu gewinnen. Ohne weiteres ist zuzugeben, daß der Ausdruck traumatische Neurose ein Schlagwort ist mit allen seinen Vor-und Nachteilen. Aber der Ausdruck hat sich so eingebürgert, daß es bisher nichtgelungen ist,ihn auszumerzen. Tatsächlich sind aber auch heute die Differenzen zwischeneinzelnen Autoren nicht mehr so erheblich wie früher. Auf die Symptomatologie hier einzugehen, würde zu weit führen. Man sollte meinen, das Krankheitsbild der Unfallneurose'sei jetzt auch dem Praktiker, nachdenisoviel darüber geschrieben worden ist, () Vortrag in der Medizinischen (esel1schaft in Greifswaldam 12. Juli 1912. leidlich bekannt. Ich will aber doch betonen, daß dem einen Gutachter schon sehr wenige Symptome genügen, während der andere die schwerstwiegenden Symptome fordert, um dieselbe Diagnose zu stellen. So hebe ich aus einem Gutachten hervor, daß der Gutachter "objektive Symptome der traumatisehen Neurose, zu welchen die Einengung des Gesichtsfeldes, refiektorische Pupillenstarre, Pupillendifferenz, Ueber-und Unterempfindlichkeit der Haut sowie Gehstörungen gerechnet werden, nicht nachweisen konnte". Ein anderer Gutachter hat häufig Tränenträufeln" beobachtet, eine Erscheinung, die in den letzten Jahren bei den Tnfallverletzten immer häufiger vorkommt und als Unfallneurose bezeichnet wird". Dann wird eine Unfailneurose wegen des Fehlens von Schwindelanfällen ausgeschlossen, und dann wieder genügt schon die Klage über Schwindelanfälle, um mit derselben Sicherheit diese Diagnose zu begründen. Zur Annahme einer lJnfallneurose bedarf es natürlich des Nachweises einer Neurose schlechtweg. In ihrem Wesen liegt es begründet, daß objektive Symptome fehlen, d. h. solche Symptome, deren Nachweis unabhängig ist von der Mitarbeit des Untersuchten und zugleich eindeutig für eine Neurose spricht. Gewiß hat man eine Reihe körperlicher Erscheinungen bei Unfailneurosen gefunden. Aber entweder können diese von dem Verletzten mehr oder weniger hinsichtlich ihres Ausfalls, ihrer Stärke oder ihres Ablaufs beeinflußt werden, oder sie sind nicht charakteristisch. DerUmstand allein, daß sie vorgetäuscht werden können, berechtigt natürlich nicht, wie ich wiederholt gelesen habe, zu dem Schlusse, es handle sich nicht um eine Neurose, sondern um eine Simulation. Man kann somit höchstens mit Bruns von relativ objektiven Symptomen sprechen. Ihr Fehlen oder, zutreffender ausgedrückt, die Unmöglichkeit, sie nachzuweisen, berechtigt noch nicht, eine Neurose auszuschließen. In solchen Fällen entscheidet über die Stellungnahme zu den Beschwerden das Maß von Glaubwürdigkeit, das man düm Unfaliverletzten entgegenbringt. Dabei muß man sich natürlich davor hüten, alles zu glauben, was er sagt; ebensowenig darf man aber auch aus dem Nachweise eines Irrtums oder einer Täuschung weitgehende Schlüsse ziehen und alles in Abrede stellen. Vielfach wird der Gutachter es geradezu dem Ermessen der Behörde überlassen müssen, zu der Frage der Glaubwürdigkeit Stellung zu nehmen, und diesen Standpunkt in dem Gutachten offen aussprechen. Vor einer Ueberschätzung des Ergebnisses der körperlichen Untersuchung kann nicht genug gewarnt werden; gewisse Symptome,wie die Dermographie, die Herabsetzung der Schmerzempfindlichkeit, die Erhöhung der Reflexe, spielten und spielen heute nocil in den Gutachten eine zu große Rolle. Aber wenn man gesunde, nicht unfailverletzte Arbeiter untersucht, kann man häufig dieselben Symptome finden. Fügt es der Zufall, daß man den Unfailverletzten bereits vor dem Unfall untersuchen konnte, so gab die körperliche Untersuchung schon damals ein Bild, das bei der späteren Feststellung als beweisend für eine Unfailneurose hätte angefithrt werden können. Es handelt sieh hier um Symptome, die noch im Rahmen des Physiologischen liegen. Dasselbe gilt auch von mannigfachen Beschwerden, die Folgen des Unfalls sein sollen. Vor allem trifft das zu für die normalen Alte rserscheinungen: Abnahme des Gesichts und Gehörs, Einbuße der Merkfähigkeit, Schwäche der Muskulatur; dies und anderes, was das normale Alter mit sich bringt, wird nun auf einmal als Unfalifolgen angesprochen, ja auch anerkannt. Eine große Rolle spielt hierbei natürlich die Arte riosklerose mit ihren mannigfachen Symptomen. Erfreulicherweise steht man heute der Frage, ob eii Unfall eine Arteriosklerose bedingen könne, sehr viel skeptischer gegenüber. Ich halte eine gleich. vorsichtige Stellungnahme schon bei der F'rage für berechtigt, ob eine noch latente Arteriosklerose durch einen Unfall nur manifest geworden ist. Die verschiedenen Versuche, sich das Zustandekommen der Arteriosklerose durch den Unfall zu erklären, versagen. Ich mag auch nicht glauben, daß die Unlustaffekte, die der Unfall zeitigt, auf die Gefäßwand so schädigend einwirken, wie oft behauptet wird. Man darf zur Stütze dieser Annahme nicht auf die Melancholie verweisen, die ja in ihrer reinen Form vorwiegend eine Erkrankung des Alters ist. Bei den Depressivzuständen im jüngeren Lebensalter, mögen sie auch noch so anhaltend, noch so intensiv sein, Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1189991 fatcat:fctjne5n3feahjxtiev3xem53m