Beobachtungen über Regeneration beim Menschen1). XIX. Abhandlung: Regeneration der Gelenke. 2. Teil

August Bier
1919 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Seit etwa loo Jahren isl die Chirurgie bestrebt, nach Resektionen bewegliche Geknke zu erzielen. Es ist interessant, daß bei diesen Versüchen die Chirurgen sich immer wieder die Pseudarthrose zum Vorbild nahmen So führte Rhea Barton im Jahre 1826 seine Operation bei Ankylose des Huitgelenkes, die Osteotomie in der Trochantergegend, nicht etwa aus der Indikation aus, die wir heute bei diesem häufig vorgenommenen Eingriff als gültig hinstellen, nämlich, um eine bessere Stellung des Gliedes
more » ... des Gliedes hervorzurufen, sondern er beabsichtigteS wie schon der Titel seiner Arbeit: "On the treatment of ankylosis by the formation of artificial joints" besagt, ein neues Gelenk in der Durchtrennungsste1le unterhalb des ankylosierten Hüítgelenkes zu schaffen. Zu dem Zwecke machte er vom 20. Tage ab Bewegungen, um dieses Ziel, die Pseudarthrose, zu erreichen. Es ist weder ihm noch anderen Chirurgen gelungen. Trotz der Bewegungen stellte sich an der Durchtrennungsstelle schließlich eine Ankylose ein, oder, besser gesagt, der künstlich verursachte Bruch heilte knöchern. Densel4en Mißerfolg erlebte man, als man bei Ankylose des Kiefergelenkes, zwecks Schaffung einer Pseudarthrose, die Osteotomie des Unterkiefers vor dem Kieferwinkel ausführte. Trotz Dehnungen und fleißiger Bewegungen heilte auch dieser künstliche Knochenbruch wieder, obwohl der Unterkiefor zur Pseudarthrosenbildung neigt. Erst als y. Esmarch im Jahre 1854-den Vorschlag machte, ein 2-3 cm langes Stück aus der ganzen Dicke des Knochens auszusagen, wurde das beabsichtigte Ziel, eine Pseudarthrose, die das Kauen wieder ermöglichte, erreicht. y. E Sm arc h schuf also die eingangs der XII. Abhandlung geschilderte "Defektpseudarthrose" Der Grundsatz bei Resektionen, durch eine genügend große Lücke zwischen den beiden Knochenenden bewegliche neue Gelenke zu erzielen, wurde in der Folgezeit festgehalten. Ebenso machte man möglichst frühzeitig Bewegungen in den resezierten Gelenken,. und, da dies in der ersten Zeit nach der Operation oft nicht möglich war, weil sonst die Nähte gesprengt wären, oder die gewöhnlich nicht oder nicht vollständig genähten Wunden sich infiziert hätten, so verband man in verschiedenen Stellungen. So stellte man nacb Resektion des Ellbogengelenkes, bei dem man am Mufigsten und sichersten Bewöglichkeit mit guter Funktion erzielte, das Glied zuerst in Streckstellung, eine Woche später in Beugestellung und wechselte dann die verschiedenen Stellungen täglich oder alle paar Tage, bis die Wunde ausgiebige aktive und passive Bewegungeñ vertrug, die dann fleißig ausgeübt wurden. Da man diese Maßnahme schon vornahm, ehe die Lehre von der Wichtigkeit der Funktion sich Bahn gebrochen batte, so ist wohl anzunehmen, daß man auch in dieser Beziehung die Pseudarthrose sich zum Vorbild nahm, die man ja fälschuicheweise ganz allgemein auf mangelhafte oder ganz unterlassene Ruhigstellung zurückführte. Ein anderes Mittel, das oft bei genügend.er Lücke die
doi:10.1055/s-0028-1137786 fatcat:ecrr6744krewtjtvz3nddf2uh4