Gerichtliche Medicin. Zur Hinrichtung in Raab

E. Hofmann
1880 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Es wurde von verschiedenen, wie ich böre, auch von ärztlicher Seite erwhnt, dass das Vorkominniss deshalb eingetreten sei, weil dem Jnstificirten vom Henker nicht die Wirbelsäule (das Genick) gebrochen wurde. Es ist möglich, dass einzelne Henker einen solchonvorgangvornehmen, ob er ihnenjedesmal gelingt, ist sehr fraglich. Jedenfalls würde ein solcher Vorgang nur dazu beitragen, den Eindruck, den eine Justification macht, noch peinlicher und widriger zu machen und Ist auch vollkommen
more » ... llkommen überflüssig. Es scheint jedoch, dass die Scharfrichter solches gar nicht unternehmen und dass man andere Manipulationen, z. B. das Anpressen der Schlinge an den Hals , das Anpressen des Unterkiefers an den Oberkiefer etc., für solche hâlt, die das Genickbrechen bezwecken sollen. Bei keiner der drei Sectionen von .Justilicirten, die in meiner Gegenwart stattfanden , wurde eine Fractur oder Luxation der Halswjrbelsãule gefunden, oder eine Spur eines sie bezweckenden Vorganges, und auch an dem Kopfe eines in ãlterer Zeit mît dem Strange Hingerichteten, den ich in meiner Sammlung babe, ist nichts davon zu bemerken. Bei Selbstmördern habe ich niemals etwas Aehnliehes gefunden , und bin ilberzeugt, dass nur unter ganz besonderen Umständen , z. B. wenn jexnand mit einem starken und langen Strang um den Hals von einer Höhe herabepringen würde, eine Luxation etc. der Halswirbelsäule entstehen könnte, und auch da keineswegs immer, wie am besten der obenerwähnte amerikanische Fall beweist, in welchem, trotzdem man den Gehängten aus einer Höhe von 7-8' fallen liess, doch keine Beschädigung der Columna vertebralis gefunden wurde. Es wäre daher unrichtig wenn man etwa dem Scharfrichter ein Verachuldea zuschreiben wollte, ebenso wie es ungerechtfertigt war, dafür, dass in dem bekannten Falle Francesconi nnch nach 8 Minuten der Herzschlag nachweisbar war, den Henker verantwortlich zu machen. Es ist kein Zweifel, dass der Raaber Fall von den Gegnern der Todesetrafe energisch ausgebeutet werden wird und man muss zugestehen , dass ein aolches Vorkoiumniss und schon der Gedanke der Möglichkeit desselben auch die wärmsten Anhänger dieser Strafart auf das Peinlichste berühren muss. Doch ist es klar, dass solchen Eventualitäten leicht vorgebeugt werden kann, elnestheils durch Abänderung des Hinrichtungsmodns; insbesondere durch Vollziehung der Todesstrafe mit der Guillotine. Die Enthauptung mit dem Schwerte hat andere Unzukömmlichkeiten, da der Ausfall des Aktes vielfach an die Geschicklichkeit und Kraft des Henkers geknüpft ist. Aber auch bei der Justification durch den Strang ist die Möglichkeit einer Wiederbelebung einfach dadurch zu vermelden, dass man den Delinquenten eine genügend lange Zeit hängen lasst. Nach den Bestimmungen der St.-P..O. vom Jahre 1853 musste der Delinquent einen ganzen Tag , nach jener Vom Jahre 1850 drei Stunden hängen bleiben, während nach der gegenwärtigen es von dem Gutachten des Gerichtsarztes abhängt, wie lange dies geschieht. Ich glaube, dass der Raaher Fall eine Combination beider Bestimmungen gebietet und bin der Meinung, dass allen Forderungen Rechnung getragen werden könnte durch den Erlass einer Verordnung, dass jeder Justificirte mindestens durch eine Stunde am Strange bleiben und vor der Abnahme nochmals vom Gerichtsarzte auf etwaige Lebenszeichen tinterueht werden müsse. (Wiener Med. W. No. 17.) In der Discussion über den Fall , welche in dein Med. Doctoren -Collegium inWien etattfand, bemerkte Prof. Billroth, dass auch den Arzt in diesem Falle ebenso wenig ein Vorwurf treffen könn e, w le den Henker. Er hat seine Schuldigkeit gethan, da wir ja das Aufhören der Respiration und des Herzschlages als Zeichen des Todes auffassen. Eine andere Frage sei es, wie lange Zeit nach dem völligeit Aufhören der Athmung noch Wiederbelebungsversuche mit Aussicht auf Irfoig unternommen werden können? Es fragt sich ferner, warum ist der Mann, obgleich er wieder frei athmen konnte, nun doch gestorben? B. erinnert sich eines Falles, wo ein Dienstmädchen beim Waschen mit einer Waschmaschine von einem Flügel der Maschine am Halstuch erfasst, mebreremale herumgerissen und auf diese Art der Kehlkopf zusammengepresst wurde, so dass nur eine kleine Oeffnung zur Respiration übrig blieb. Primararzt Kumar machte damals die Traeheotomie, die Kranke athmete aro näehsten Tage vQllkowme frei, starb aher schon am nächstfolgenden Tage. Aehnliche FMIe beobachtete Redner hei Individuen, hei denen er wegen Croup die Tracheotomie machen musste; nach 19 '24 Stunden starben sie trotz der Tradhotnmie. Man hat in solchen Fällen den Eindruck, als ob sich die Circulation im Gehirn, wenn sie längere Zeit gestört war, nicht wieder herstellen könnte. Prof. Hofmann will ebenfalls dem Arzt keinen Vorwurf gemacht haben. Das Aufhören der Respiration und der Pulsation des Herzens genüge jedoch in solchen Fällen nicht, um email Menschen für todt zu erklären, wie ja dies die Erfahrung bestätigt. Bei der Section werde man wahrscheinlich einen Bruch an den Hörnern des Kehlkopfes und am Zungenhein finden, welche die Erstickungserscheinungen erklären würden. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1195393 fatcat:4wnmux5ffnfajalgfssmlvpwv4