Klinische Erfahrungen mit Proponal

P. Schirbach
1906 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Im Jahre 1903 veröffentlichten Fischer und y. Mering1) ihre Erfahrungen über eine neue Klasse von Schlafmitteln, die von den bisher gebräuchlichen darin abwichen, daß sie den Derivaten des Harnstoffes angehörten. Bei den Tierversuchen ergab sich die Tatsache, daß von den durchgeprüften Hamstoffderivaten dem Dipropylmalonylljarnstoff die größte hypnotische Wirkung zukam. Aus praktischen Gründen wurde aber damals davon Abstand genommen, die Dipropylverbindung für den praktischen Gebrauch zu
more » ... n Gebrauch zu empfehlen, sondern man entschied sich für die Diäthylverbindung, die zwar an hypnotischer Wirkung der Dipropylverbindung nachstand, dafür aber leichter löslich war und außerdem in ihrer Wirkung auf den menschlichen Organismus spezifischer und eindeutiger erschien. So wurde denn der Diitthylmalonylhamnstoff unter dem Namen "Veronal" in den Handel gebracht; es hat seitdem als recht brauchbares Schlafmittel allgemein praktische Verwendung gefunden. Neuere Beobachtungen von Fischer und y. Mering2) haben inzwischen gelehrt, daß das zuerst verwendete Präparat des Dipropylmalonylharnstoffes chemisch nicht absolut rein war. Nachdem dann die Herstellung eines chemisch reinen Präparates gelungen war, erwies sich auch dieses als Schlafmittel sehr geeignet, und es wurde neuerdings unter dem Namen "Proponal" in den Handel gebracht; Das Proponal ist ein farbloses kristallinisches Pulver, von geringer Löslichkeit in Wasser, dabei fast völlig geschmacklos; nur bei längerem Verweilen auf der Zunge schmeckt es leicht bitter. Die bisherigen Veröffentlichungen über Proponal, soweit sie I) Therapie der Gegenwart 1903, Heft 3. -2) Medizinische Klinik 1905, No 52. mir vorliegen [Lili enfold,') Mörchena,) Kalischer,3) Bresler,4) Ehrcke5)] sprechen sich fibereinstimmend in günstigem Sinne über die erzielten Wirkungen aus und schienen mir weitere Nachprüfungen des Mittels durchaus zu rechtfertigen. Bei den von mir angestellten Versuchen bediente ich mich der von der Firma Merck hergestellten Tabletten zu 0,1, die in Wasser gleich zerfallen. Bei der Verabreichung stieß ich, sofern Medikamente überhaupt genommen wurden, niemals auf Widerstand. Verbraucht wurden im ganzen 97,2 g in 266 Einzeldosen von 0,1-0,8 bei 43 Kranken. Es wurden nur solche Kranke gewählt, bei denen vorher festgestellt war, daß sie ohne Schlafmittel unruhig waren, resp. nicht schliefen. Zwecks genauer Kontrolle wurden die Versuche durchweg in den Wachsälen angestellt, in einigen Fällen auch außerhalb derselben; dann aber am Tage. Zur Ausschaltung von Fehlerquellen wurde in zweifelhaften Fällen das Mittel nach einigen Tagen ausgesetzt und dann zur Vermeidung suggestiver Einflüsse durch ein indifferentes Mittel -Natrium bicarbonicum -ersetzt. Die 43 Fälle verteilten sich auf folgende Krankheitsbilder: Melancholie 12, Manie 5, Idiotie 2, Dementia praecox 6, Dementia senil. 4, akute Verwirrtheit 1, Zwangsvorstellungen 1, Hysterie 1, Epilepsie 4, Dementia paralytica 5, Lues cerebrospinalis 1, Paralysis agitans 1. Bei den von Fischer und y Mering empfohlenen niedrigen Dosen von 0,15-0,2, mit denen ich begann, sah ich nur einmal einen Erfolg, und zwar wurde bei einer Hysterica mit 0,2 nach Verlauf von einer Stunde ein achtstündiger Schlaf erzielt. Nach Verlauf von fünf Tagen mußte dann die Dosis zur Erzielung desselben Effektes auf 0,3 gesteigert werden. Bei 0,5 beobachtete ich in drei Fällen von Dementia senilis entweder keinen oder nur unvollkommenen Erfolg. in diesen Fällen hatten aber auch andere Schlafmittel in höheren Dosen im Stiche gelassen. Bei drei hochgradig erregten Paralytikemn versagte 0,5 gänzlich, wobei aber zu bemerken ist, daß auch 3,0 Chloraihydrat, 5,0 Paraldehyd und 0,002 Hyoscin + 0,01 Morphium wirkungslos blieben. 0,6 ließen bei einem erregten manischen Periodiker ebenso vollständig wie bei einem schwer erregten Katatoniker im Stich. Auch bei diesen hatten andere Mittel in hohen Dosen versagt. In drei Fällen trat bei 0,6 die erwünschte Wirkung ein. Es handelte sich um drei Frauen, und zwar um zwei mit katatonischen Erregungszuständen und um eine sehr erregte Maniaca. 0,7 wurde mit gutem Erfolge in zwei Fällen gegeben, bei einer Maniaca mit starkem Bewegungsdrang und bei einer agitierten Melancholie. Als höchste Einzeldosis wurde 0,8 bei einer melancholischen Frau mit heftigem Angstaffekt und großer motorisoher Unruhe gegeben. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen stellte sich prompt auf 0,8 nach einer halben Stunde ein achtstündiger tiefer Schlaf ein, während vorher mit Dosen von 0,8 und 0,7 nur ein drei-resp. vierstündiger Schlaf erzielt wurde. In den übrigen 28 Fällen, in denen es sich um einfache Schlaflosigkeit und Unruhe leichteren Grades handelte, geniigten Dosen von 0,3-0,5, um einen fünf-bis neunstündigen Schlaf zu erzielen. Die Zeitdauer von der Einnahme des Mittels bis zum Eintritt der Reaktion unterlag ziemlichen Schwankungen; meist betrug sie eine halbe bis eine Stunde, in drei Fällen trat die Wirkung schon nach einer Viertelstunde ein. Unter den letzten 28 Fällen befanden sich 4 epileptisohe Verwirrtheitszustände mit motorischer Unruhe (2 Männer 2 Frauen), in denen jedesmal auf 0,5 prompte Wirkung erfolgte. Eine sedative Wirkung kleiner, mehrmaliger Dosen von 0,2 konnte bei sechs unruhigen Versuchsfällen in keinem Falle konstatiert werden. Bei den großen Dosen von 0,5 aufwärts hatte ich wiederholt Gelegenheit zu beobachten, daß nach dem Erwachen noch eine protrahierte Schläfrigkeit bestand. Die betreffenden Kranken waren am folgenden Tage, besonders am Vormittag, noch müde und schläfrig. Ein Nachteil, dem wir ja bei allen Hypnoticis mehr oder
doi:10.1055/s-0029-1188692 fatcat:67ujetexxvgrpenvf2cd7fnrnu