01_Die Homerischen Hymnen als poetische Opfergaben

Claude Calame, Göttingen Academy Of Sciences
2017
Es ist schwer, im Korpus der Homerischen Hymnen einen kürzeren Text zu finden als das in drei Versen an Demeter gerichtete hymnische Gedicht. Dennoch zeigen diese Verse trotz ihrer extremen Knappheit nicht nur die dreiteilige Struktur, auf der jeder homerische Hymnus aufbaut; sie aktualisieren dabei auch noch die essentiellen pragmatischen Aspekte. Es ist Demeter mit dem schönen Haupthaar, die ehrenwerte Göttin, die ich beginne zu besingen, sie und ihre Tochter, die sehr schöne Persephone.
more » ... ne Persephone. Freue Dich, Göttin, und nehme den Gruß dieser Stadt hier an; leite meinen Gesang. Demeter wird zuerst in der dritten Person durch das Ich der persona cantans angerufen; dann wird die besungene Göttin sehr kurz durch ihre Verwandtschaftsbeziehung zu Persephone charakterisiert; schließlich wird sie direkt durch den Sprecher und Ich-Erzähler angerufen, der sie mit einem ausdrücklich Wunsch anspricht: evocatio, epica laus, preces, gemäß der dreiteiligen Struktur eines jeden homerischen Hymnus, aber ohne dass der zentrale, beschreibende und erzählende Teil hier durch das "hymnische Relativ" eingeleitet wird; dieses Pronomen kann zur Rezitation mehrerer Dutzend Verse führen, wie es in den längsten homerischen Hymnen der Fall ist 1 . Von einem enunziativen Standpunkt aus gesehen wird das Gebet dieses sehr kurzen Hymnus mit der Formel eingeleitet, welche die meisten Anreden an die Götter beschließt: khaîre. Dieses klangvolle khaîre entspricht nicht einfach einer simplen Grußformel, sie bezieht vielmehr auf die vom Gott empfundene Freude beim Hören der gesungenen Eloge, die an ihn gerichtet ist 2 . In einem Spiel des do ut des 1 Vgl. Calame 1995/2005: 44-49, infolge zahlreicher Strukturrecherchen, darunter die wichtige Studie von Bremer, 1981: 195-203. Eine etwas verschiedene Version dieses Studiums wurde in A. Faulkner (Hrg.), The Homeric Hymns. Interpretative Essays, Oxford (Oxford University Press) 2011, veröffentlicht. 2 Vgl. Calame 1995/2005: 56-58, mit den bibliographischen Verweisen über die Bedeutung von khaírein, wie sie in Fußnote 57 angegeben sind; siehe auch unten (Fußnote 33) was den delischen Teil des Homerischen Hymnus an à Apollon betrifft.
doi:10.26015/adwdocs-863 fatcat:rogdha3li5e6rpm7dzspqn3erq