"Was steht ihr da und schauet" (Apg 1,11) : die "Himmelfahrt Jesu" im lukanischen Geschichtswerk [article]

Gerhard Lohfink, Universitaet Tuebingen
2020
Die »Himmelfahrt Jesu« im lukanischen Geschichtswerk Gerhard Lohfink Himmelfahrtstheologie findet sich im Neuen Testament nicht nur bei Lukas. Trotzdem sind unsere Vorstellungen von der Himmelfahrt Christi fast ausschließlich von dem luka nischen Bericht im ersten Kapitel der Apostelgeschichte geprägt. Das kommt von der Dar stellungskunst des Lukas, deren Bildhaftigkeit das christliche Denken tief beeinflußt hat, man blicke nur einmal auf die Gestalt des Kirchenjahres. Die Vorteile dieser
more » ... llungs kunst sind Einfachheit, Schönheit und Einprägsamkeit. Ihr Nachteil besteht darin, daß die typisch lukanische Erzählung (etwa die Verkündigung, Pfingsten oder die Damaskus geschichte) allzuoft als ein genauer Filmbericht der Wirklichkeit mißverstanden wird. In dieser Gefahr steht auch die Erzählung von der Himmelfahrt Christi zu Beginn der Apo stelgeschichte. Wenn wir genau zusehen, wird hier die Himmelfahrt selbst zwar über raschend knapp berichtet: » ••• er ward vor ihren Blicken emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, fort von ihren Augen« (Apg 1, 9). Aber diese Notiz steht in einem größe ren, äußerst einprägsamen Textzusammenhang, der von Vers 1-12 des Kapitels reicht. Aus diesem Textzusammenhang sollen nun zunächst die wichtigsten Elemente einzeln besprochen werden. Dann fragen wir nach der Form des ganzen Abschnittes. Schließlich soll, aufbauend auf diesen Vorarbeiten, die Funktion der Himmelfahrt Jesu im lukani schen Geschichtswerk behandelt werden 1 • Die Himmelfahrt als Osterersch einung Lukas blickt zu Beginn der Apostelgeschichte (Vers 1 f) auf sein erstes Buch zurück. Er hatte es verfaßt »über alles, was Jesus tat und lehrte bis zu dem Tage, an dem er ... auf genommen wurde«. Anstatt sidi nun sofort den folgenden Geschehnissen zuzuwenden, nimmt Lukas das Ende seines Evangeliums wieder auf und erzählt den Abschnitt 24, 44-53 in veränderter Form ein zweites Mal (Apg 1, 4-14). Doch zuvor charakterisiert er in einer summarischen Zwischenbemerkung diesen Zeitabschnitt, von dem er jetzt noch einmal berichten will: »Ihnen (den Aposteln) erwies er sich lebendig nach seinem Todes leiden durch viele Beweise, indem er ihnen während vierzig Tagen erschien und vom Reiche Gottes sprach« (Apg 1, 3) . Dieser Satz ist wichtig, weil er zeigt, daß die Jünger die Himmelfahrt innerhalb einer Ostererscheinung erfahren. Sie erleben also nicht die Entrückung eines Menschen, der bis zu diesem Zeitpunkt unter ihnen gelebt hat, wie etwa Elisäus die Entrückung des Elias erlebte (4 Kön 2, 1-18). Jesus ist ja bereits ,in seine Herrlidikeit hineingegangen, (Luk 24, 26; vgl. 23, 43) und kann aus dieser Herrlidikeit nur noch durch Erscheinungen im irdischen Bereich sichtbar werden (Apg 10, 40; 13, 31). I Als weiterführende Literatur für diesen und den folgenden Aufsatz seien genannt: P. Benoit, Die Himmelfahrt, in: Exegese und Theologie, Düsseldorf 1965, 182-218; G. Lohfink, Der historische Ansatz der Himmelfahrt Christi, in: Catholica 17 (1963) 44-84; F. J. Schierse, Himmelfahrt Christi, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg 1960, Bd. 5, 358-360; H. Schlier, Jesu Himmelfahrt nach den Lukanischen Schriften, in: Besinnung auf das Neue Testament, Freiburg 1964, 227-241. Für die (möglichst wörtliche) Obersetzung des ntl. Textes folge ich weitgehend dem großen Kommentar zur Apostelgeschichte von E. Hänchen, Göttingen 1961. Dort finden sich auch weitere Literaturangaben zu unserem Thema (S. 115 f. 660).
doi:10.15496/publikation-45447 fatcat:exmj5qaotjgbjhxlt237n3yfny