Englische chemische Industrie

P. Leuthard Thornton
1916 Angewandte Chemie  
Zeitschrift fi;ir angewandte Chemie I. Band, S. 17 -20 I Aufsatz t eil I 18. Januar 1916 Englische chemische Industrie. Von P. LEGTHARD THORN TON^). Wie Deutschland das Geschaft aufbaute. Der Niedergang der Kohlenteerfarbstoff -Industrie in unserem Lande wahreiid der Jahre 1860-1880 ist darauf zuriickzufiihren, daD man die Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet nicht erkannte. In jener Zeit hatte Deutschland nur eine kleine 1ndi.isGrie m d keiii Patentgesetz. Als danii das
more » ... setz. Als danii das Deutsche Reich gegriindet wurde, zeigten die diesem Ereignis folgenden Jahre den entschiedeiien EntschluD, um jeden Preis Industrien zu griinden. Teerfarbstoffe, welche damals zu fabelhaften Preisen gekauft wurden, waren fiir den deutscheii Wissenschaftler der Ausgangspunkt zum spateren Wohlstand. Er hatte die weitreichende Bedeutung dieser Erfindungen erkannt, und seine Forschungen bewiesen, daD sie eine ausgezeichnete Grundlage fiir eine unbegrenzte kommerzielle Entwicklung nach verschiedeneii Richtungen hiii ergaben. Fabrikeii wurden in rascher Folge errichtet, welche schneIl an Bedeutung zunahmen ; Verbesserungen in der Fabrikation wurden eingefiihrt und neue Produkte auf den Markt gebracht und patentiert. Eine unbefriedigendere Laqe konnte man sich kaum fur den englischen Fabrikanten denken, besonders als die ausliindischen Produkte hier guten Absatz fanden, selbst solche, die eine offenkundige Verletzung eiiglischer Patente darstellten. Die Idee der englischen Teerfarbstoffe war rein englisch, dann griffen sie die Deutschen auf, verletzten die englischen Patente und LieBen sich endlich die Resultate, welche sich aus den englischen Erfindungen ergaben, und zu welchen die englische Wissenschaft als bereitwilliger Fiihrer gedient hatte, in unserem Lande patentieren. Als nbhstes erkannten die Deutschen, daD der Alkohol zur Fabrikation chemischer Produkte weit verbreitete Anwendung fipden konne. Ihre Regierung, welche auf die Vorteile aufmerksam wurde, die billiger Alkohol bietet, und melche in jeder Hinsicht ernstlich auf die Forderung der Industrie bedacht war, machte es den Fabrikanten leicht, denselben zu verwerten. In unserem Lande war steuerfreier Alkohol erst im Jahre 1906 zu Fabrikationszwecken erhaltlich, als es schon zu spat war, zu den gleichen Bedingungen wie in Deutschland zu fabrizieren, welches unterdessen viele Erfahrungen gesammelt hatte und schon zu den niedrigsten Preisen erzeugte. Aiitipyrin ist ein treffendes Beispiel, um dies zu beweisen. Die Patente waren erloschen, aIs der Steuerfreie Alkohol aufkam, und damit der Preis sank. Die Herstellungskosten desselben betrugen ungefahr 3 sh. das Pfund, doch ware es fiir jeden AuDenseiter, auch wenn er noch so tuchtig gewesen ware, schwierig gewesen, den genauen HerstellungsprozeD herauszufinden, der diesem Preise zugrunde lag. Piir die englischen Fabrikanten ware es ganz richtig gewesen, Produkte, die frei waren, zu erzerigen, aber der steuerfreie Alkohol hatte zur Fabrikation n e u e r Praparate fuhreii sollen. Dies war nicht der Fall. Jeder der begreift, was die Schaffung einer chemischen GroDindustrie bedeutet, wird leicht verstehen, daD es nicht leicht ist, schoii in Ausbeutung begriffene Verfahren nachzuahmen oder Pabrikationsgeheimi&.se zu ergrunden, welche nur Iange Erfahrung zuganglich macht. Auch ist es nicht moglich, auf einen Schlag neue Verbindungen xu erfinden. Die Entwicklung einer cheinischeri Industrie griindet sich R priori auf clie wissenschaftliche Forschung, welche vie1 1) Am "The Chemist and Druggist", vom 16. 10. 1915, S. 41-42, ubersetzt von C. Hauert. Angew. Chem. 1916. Aufsatzteil (I. Band) zu Nr. 5.
doi:10.1002/ange.19160290502 fatcat:2nhn56r5lja3deh2pjdyqnzxhq