Über den Bruch des Schlüsselbeines

W. Pfanner
1922 Deutsche Zeitschrift für Chirurgie  
Eine Abhandhmg tiber den Schlfisselbeinbruch lfiuft von vornherein Gefahr, ungelesen beiseite gelegt zu werden, denn zu viet ist schon fiber dieses Thema gesprochen und geschrieben worden. Wenn ich trotz~lem daran gehe, den spr6den Stoff aaach meinerseits zu behandeln, geschieht dies aus der {~'berzeugung heraus, dais trotz 'der enorm groBen Zahl w)n Arbeiten die Lehre vom Schltisselbeinbruch sowohl in Hinsicht auf die Pathologic, als auch die Therapie der Fraktur immer noch auf unsicheren
more » ... auf unsicheren I3einen steht. Man gelangt zu dieser Erkenntnis, wenn man die Mfihe nicht scheut, sich in das Wesen des Schlfisselbeinbruches und die dadurch geschaffenen Verh~ltnisse auf anatomisch-physiologischer Grundlage etwas n/iher hineinzudenken. Ma~n wird erst dann gewahr, dab in der Lehre vom Schltisselbeinbruch irrtiimliche Anschauungen erstaunlich lang fortleben, ohne dab ie daran gerfittelt worden w/ire. Entstehungsmechanismus. Nur die indirekten Schliisselbeinbrtiche sollen beri.icksichtigt, die direkt entstandenen aber ausgeschieden werden. Bevor wir darauf n/iher eingehen, seien einige anatomisch-l)hysiologische Vorbemerkungen vorausgeschickt, soweit sie ffir das Versth.ndnis des indirekt entstehenden Schlfisselbeinbruches yon Bedeuttmg sind. Das Schliisselbein ist als S-f6rmig gebogener Knochen zwischen Schulter und Brustbein eingeschaltet. Es steht unausgesetze unter der Finwirkung der mS.chligen Muskelplatte des Schuherarmkom-~18 ~FANNER plexes, ,deren Angriffspunkt an der Schulter durch den Kn,ochen wie yon einer Balancier-oder Ruderstange vom Stamme abgehalter~ wird. Der Schulterarmkomplex artikuliert gewissermagen iJ.ber das Schlfisselbein hinweg mit dem Sternum. Das Sternoclaviculargelenk ist daher dauernd in wechselndem Grade beansprucht. Die S-f6rmige Kriimmung variiert unter normalen Verh/iltnissen mit der Kraft der Schultergiirtelmuskulatur. Je m/ichtiger diese ,ist (muskelstarke M~inner), umso gr6Ber f/ilk im allgemeinen auch der S-f6rmige Bogen aus. Schw/ichliche Individuen, Frauen und Kinder, besitzen zumeist mehr gestreckt verlaufende Schliisselbeine. Das Schliisselbein steht im Sternoclaviculargelenk mit dem Brustbein, im Acl,omi,oclaviculargelenke mit dem Schulterblatt in beweglicher Verbindung. Das erstgenannte Gel.enk ist trotz des schlaffen Kapselschlauches sehr krS.ftig gebaut, da es beinahe allseits yon sehr leistungsf/ihigen Verst/irkungsb/indern umgeben ist (Lig. sternoclaviculare" post., Sternoclaviculare sup. und Costoclaviculare). Es weist nur an der vordern lateraIen untern Ecke eine schwache Stelle auf, weshalb auch die pr/isternale Verrenkung am h/iufigsten ist. Im Sternoclaviculargelenk sind auf Grund d.es besonderen, inneren Baues ganz beliebige Bewegungen m6glich, so dab es funktionel[ einem Kugelgelenke gleichkommt, ohne es im anatomischen Sinne zu sein (R. F ic k). Ich fiihre diese Tatsachen deshalb besonders an, well sie es verst/indlich machen, weshalb Luxationen im Sternoclaviculargelenke so viel seltener beobachtet werden, als Frakturen der Clavicula, ,obwohl jeder Mechanismus, der zu einer indirekten Schliisselbeinfraktur zu ffihren vermag, stets auch eine Oberbelastung .des Brustschlfisselbeingelenkes in einer bestimmten Richtung zur Folge hat. AuBer im Acromioclaviculargelenke steht das Schtfisselbein n,och durch das Lig. coracoclaviculare, das in zwei verschieden wirksame Anteile (Lig. trapez, und c.onoid.) zerf/illt, mit dem Schulterblatt in weiterer Verbindung. Infolge dies.er doppehen Anheftung bildet das /iugere Drittel des Schliisselbeines mit dem Schulterblatte insoweit g ewissermagen eine anatomische Einheit, als die Bewegungsm6glichkeiten des /iul3eren Claviculardrittels in bezug auf ,die Scapula verhhltnism~igig nur gering s.ein k6nnen. Das /iul3ere Drittel ist i:teshalb viel weniger in Gefahr auf indirektem Wege durch Biegung oder Stauchung verletzt zu werden, was durch die Erfahrung vollauf besthtigt wird. Aus gleicher Ursache entstehen die akromialen Luxationen der Clavicula ausschlieglich auf direktem Wege. Die Bewegungen des Schl/isselbeines sind keine selbst/indigen, sondern dureh prim/ire Schulterblattbewegungen aufgezwungene, da es keinen Muskel gibt, dernur auf das Brustschliisselbeingdenk allein wirkt (R. F ic k). Daraus ergibt sic'h, dab auch die i.ndirekt entstehend.en Frakturen des Schliisselbeines nur fiber das Schulterblatt hinweg ausgel6st werden k6nnen.
doi:10.1007/bf02791206 fatcat:bhau65wiivcdrkaeviluv624ji