Irreguläre Migration, Angst vor Einwanderern und widersprüchliche Reaktionen [chapter]

Sema Erder
2008 Facetten internationaler Migration in die Türkei: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und persönliche Lebenswelten  
Die irreguläre Migration steht in letzter Zeit in akademischen Kreisen und in der öffentlichen Verwaltung, wo man sich mit der internationalen Migration befasst, zunehmend auf der Tagesordnung. Die öffentliche Verwaltung, die sich mit konkreten Maßnahmen beschäftigt, betont, dieses Phänomen stehe nicht im Einklang mit den vorhandenen Institutionen und Normen, und bezeichnet es als illegale Migration. Für Sozialwissenschaftler ist die Definition des Problems jedoch komplizierter und bedarf noch
more » ... eiterer Diskussion. Mit der Globalisierung ist in breiten Bevölkerungskreisen der Wunsch aufgekommen, den Wohnort zu wechseln. Die bestehenden Regelungen und Institutionen haben sich den neuen Umständen jedoch noch nicht angepasst und vermögen diesen Wünschen meist nicht zu entsprechen. Die im Zuge der sich verändernden ökonomischen und politischen Bedingungen entstehenden neuen globalen Normen und Institutionen sorgen zwar dafür, dass Kapital, Waren und Kommunikation die Grenzen ungehindert passieren. Andererseits werden in einer Welt, in der sich alles verändert, Bevölkerungsbewegungen aufgehalten und dadurch in Regellosigkeit und Irregularität abgedrängt. Die Gründe für diese widersprüchliche Situation gehören zu den vieldiskutierten Themen der Sozialwissenschaften. Die irreguläre Migration stellt sowohl für Länder wie die Türkei, die als Auswanderungsländer gelten, als auch für Länder mit kontrollierter Migration ein neues und ungewohntes Phänomen dar. Auch weiß man, dass diese Migrationsbewegung in einem politischen Klima entstand, in der sich Angst vor Migration, Migranten und Ausländern in allen Ländern sowohl auf die Innen-als auch die Außenpolitik ausgewirkt hat. Auffällig dabei ist, dass in diesem von gegenseitigen Ängsten genährten politischen Klima in allen Ländern die Entwicklung von neuen Regelungen und Institutionen zur Neuregelung der Migration gehemmt wird und ausländerfeindliche Maßnahmen zunehmen. In letzter Zeit wird Migration als Menschenrecht durch die zunehmende Migranten-und Fremdenangst politisiert und geradezu zu einem Thema der nationalen Sicherheit gemacht. Leider ist heute Migrantsein zu einem Synonym von Schuldigsein geworden. Als Resultat davon werden Millionen von Menschen, die aufgrund veränderter politischer und ökonomischer Bedingungen ihr eigenes Land verlassen müssen, nicht nur vor dem Gesetz schutzlos, sondern darüber hinaus auch noch als Schuldige betrachtet. Die Ausländerfeindlichkeit, die in Europa auch durch die Angst vor dem Islam geschürt wird, ist bis in die Debatte
doi:10.5771/9783956506857-25 fatcat:nzki3ceojzbubekuasw6amrctu