Baumann, Winfried: Der Drache aus Böhmen. Von der Geschichte zum Festspiel in Fürth im Wald

Georg R. Schroubek
2016
Baumann, Winfried: Der Drache aus Böhmen. Von der Geschichte zum Festspiel in Fürth im Wald. Regensburg 1986, 147S., Abb. Dieses Buch über ein inzwischen weithin bekannt gewordenes Stadtfest, den Further Drachenstich, ist hier anzuzeigen, weil sich an ihm einiges für die Entwick lung der deutsch-tschechischen Beziehungen in jüngerer Zeit Relevante recht deutlich ablesen läßt. Die heute außer handfesten ökonomischen Interessen doch zuvörderst der Selbstdarstellung der Further dienende
more » ... dienende alljährliche Veranstaltung ist die erst aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert stammende Umformung eines zuverlässig nicht vor 1646 belegbaren, aber älteren Prozessionsspiels am Fronleichnamstag. Gestützt auf die Arbeiten von Hans Moser und Herbert Wolf, aber vertieft durch seine bohemistischen Kenntnisse, zeichnet Baumann die Geschichte dieses weit aus strahlenden Spielbrauchs nach, angefangen von der zunächst rein kirchlich getragenen repraesentatio sacra über die in der Aufklärungszeit verbissen geführten Kämpfe des Magistrats mit Konsistorium und Regierung um die Genehmigung zum Weiterspielen bis zu den ersten folkloristisch interessierten Beschreibungen in der Restaurations epoche und zur schließlich gänzlichen Säkularisierung, die verbunden ist mit der Ver legung des Festtermins in den August. Der 1840 erstmals mitgeteilte, noch ganz knappe Dialog zwischen Ritter und Königstochter weist das Spiel als der europaweit verbreiteten Gruppe der Sankt-Georgs-Spiele zugehörig aus. Gegen die Jahrhundert wende wird er im Sinne der damals herrschenden mythologischen Mode umgeprägt und erhält so eine erste germanisch-nationale Komponente, die in den Texten der Zwischenkriegszeit -es sind die ersten umfänglichen -um das Thema des bayerisch böhmischen oder deutsch-tschechischen Antagonismus erweitert wird. Baumann führt eindrucksvoll vor Augen, wie sich das Bild vom tschechischen Nachbarn in der bayerischen Grenzregion in unserem Jahrhundert verfinstert. Wenn noch Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt, in einem "Kulturbild aus dem böh misch-bayrischen Waldgebirge" von den tschechischen Besuchern des Further Festes im allgemeinen und dem Chodenmädchen Hančička im besonderen so freundlich spricht, daß seine Erzählung in tschechischer Übersetzung erscheinen kann (Han čička. Chodské děvče. Prag 1896), oder wenn Eugen Hubrich in einem 1912 erschie nenen Gedicht über den Drachenstich noch den "Bund des Bojers mit der Chodenbraut" besingt (das gar nicht so seltene Heiraten über Landes-und Sprachgrenze hin weg bildet die Realgrundlage dafür) und ausruft: "Volkshaß ist hier nicht gelitten", so ändert sich dieser Ton nach 1918 grundlegend. Nunmehr lassen die Festspiel-Autoren
doi:10.18447/boz-1988-293 fatcat:4xrippcijrcy3knng4zuo5dzwi