5 Sexualität und Geschlecht: Angst, Trauma und Transgression [chapter]

2020 Sexualität - Geschlecht - Affekt  
In der sozialen Bewegung des Feminismus der 1970er Jahre geriet Sexualität in den Blick der Patriarchatskritik. Wortführerinnen des Feminismus wie das Autorinnen-Kollektiv »Brot ♀ Rosen«, dem Verena Stefan angehörte, erklärten damals den sexuellen Akt zum klassisch patriarchalen Ausbeutungsszenario (vgl. Kapitel 4.2 und Binswanger 2013: 217). Guido Bachmanns Gilgamesch (1966) und Elfriede Jelineks Klavierspielerin (1985, die in diesem Kapitel einer palimpsestischen Lektüre sexueller Scripts
more » ... xueller Scripts unterzogen werden, gehen über den geschlechterdichotomen Rahmen einer Auseinandersetzung mit Angst, Verletzung und Trauma in und durch Sexualität im Patriarchat hinaus. Angstfreiheit ist in der Sexualität, wie bereits mit Simon angesprochen, in mancherlei Hinsicht eine Herausforderung. Körper sind in der sexuellen Begegnung physisch, psychisch und symbolisch verletzbar. Mit Shildrick lässt sich der sexuelle Akt als besonders riskant für die daran beteiligten Körper verstehen. Durch körperliche Grenzüberschreitung wird der sexuelle Akt zum paradigmatischen Moment für Gefühle von Verletzbarkeit, seien sie positiv oder negativ. Der körperliche Austausch im sexuellen Akt bedeutet deshalb immer eine gleichzeitige Verstrickung in Lust und Gefahr. Um potentielle Instabilitäten und Verletzbarkeiten in der sexuellen Begegnung zu regulieren, ist diese sozialer Kontrolle besonders stark unterworfen (Shildrick 2005: 330). Im Hinblick auf männliche sexuelle Scripts erweist sich Homophobie als ein Mittel dieser Kontrolle, um die heteronormative Ordnung der bürgerlichen (Spät-)Moderne aufrechtzuerhalten (vgl. Kapitel 2.4). Sedgwicks Konzept eines homosozialen Begehrens (homoscial desire) benennt Homophobie als Macht eines nicht anerkannten männlich gleichgeschlechtlichen Begehrens, das moralisch von Heterosexualität ausgeschlossen wird: »›Homosocial‹ is [...] a neologism, obviously meant to be distinguished from ›homosexual.‹ In fact, it is applied to such activities as ›male bonding,‹ which may, as in our society, be characterized by intense homophobia, fear and hatred to homosexuality. To draw the ›homoso-cial‹ back into the orbit of ›desire,‹ of the potentially erotic, then, is to hypothesize the potential unbrokenness of a continuum between homosocial and homosexuala continuum whose visibility, for men, in our society, is radically disrupted« (Sedg -1 Vgl. auch Binswanger und Zimmermann (2018: 114). Guido Bachmann Gilgamesch (1966) Und dann träumte ich im Spital den Traum vom kleinen grauen Mann. Dieser Traum hat mich in Angst und Schrecken versetzt. Angst und Schrecken gruben sich ein, und ich habe diese Angst und diesen Schrecken nie mehr überwunden [...]: kleiner grauer Mann in Pelerine und Kapuze, der sich gnomengleich auf mich gesetzt und mir eine Sicherheitsnadel in die Brust gedrückt hat. [...] Ich kann nicht sagen, dass ich ohne diesen Traum nie zu schreiben begonnen hätte; aber andererseits bin ich mir sicher, dass ich genau dieses Traumes wegen meinen ersten Roman [...] begonnen habe...
doi:10.14361/9783839451687-006 fatcat:mudevm5dyvhtrj32icpcp2wdcu