Die Form des Himmelsgewölbes

Wilhelm Filehne
1894 Pflügers Archiv: European Journal of Physiology  
Von jeher ist es aufgefallen, dass Sonne und Mond am Horizonte grSsser erscheinen, als wenn sie hoch am Himmel stehen. Jedem, der mit dem gestirnteu Himmel n~her vertraut ist, f'~llt auch noch auf, dass die scheinbare GrSsse eines Sternbildes, wenn es nahe dem Zenithe culminirt, wesentlich geringer ist, als wenn es 12 Stundeu spRter (oder zur selben Nachtzeit 6 Monate spKter) auf der entgegengesetzten Seite des Polarsternes tiefen Stand am Himmel hat. Ueberhaupt erscheinen am gestirntea Himmel
more » ... gestirntea Himmel die gleichen WinkeistUcke dem Auge um so grSsser, je grt~sser die Zenithdistanz eines betrachteten Sternpaares ist. Hiernach kann eigentlich kein Zweifel bestehen: dass die scheinbaren Gr~ssenunterschiede yon Mond und Sonne je nach ihrem Stande am Himmel nur Spezialf'~lle eines fur alle Bildobjekte des Himmels giltigen Gesetzes darstellen. Wenn bei den physiologischen Er-klRrungsversuchen dieser Erscheinung immer nur yon Sonne und Mond gesprochen wird, so liegt dies wohl daran, dass die Sonne und der Mond in ihrer scheinbaren Gr~sse jedem bekannt und yon jedem als einheitliche Bildobjekte aufgefasst werden, w~hrend die scheinbare Entfernung zweier Fixsterne und die scheinbare Gr~sse der Sternbilder den meisten Menschen nicht gel~ufig sind, und die Sternbilder ohne nRhere Kenntniss auch nicht als einheifliche Bildobjekte gewtirdigt werden. Ich glaube, dass diese BeschrKnkung auf Mond und Sonne der richtigen Auffassung der Erscheinung hinderlich gewesen ist. Wenn uns nun am Himmel alle Winkol um so kleiner erscheinen, je nKher sie dem Zenithe und um so gr~sser je nRher sie dem Horizonte, so versteht es sich yon selbst, dass das Himmels-gew~lbe, wenn wit es als ein Ganzes betrachten, uns nicht etwa als die H~lfte einer Kugel erscheinen kann, in deren Mitte wir uns bet~nden. Viehnehr erscheint es im Zenithe abgeflacht, ,uhr-
doi:10.1007/bf01662023 fatcat:yyyn4ivhqvghpihy4nvxexwhbq